„Dark Aca­de­mia“ im fran­zö­si­schen Landhaus

In „Die Nacht der Acht“ erzählt Philipp Le Roy von einer elitären Clique, die in einer Villa in Südfrankreich das Fürchten lernt. Maja von Vogels deutsche Übersetzung ist nicht weniger spannend als das Original.

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Ein Thriller ganz im Trend der Dark-Academia-Ästhetik. Bild: Loverna Journey via Unsplash

Die Nacht der Acht wird als „Hor­ror­thril­ler für Jugend­li­che“ bewor­ben. Das macht neu­gie­rig, denn zum einen ist die Ver­bin­dung von Hor­ror und Kri­mi unge­wöhn­lich, zumal nicht vie­le Roma­ne die­ses Gen­res aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt sind, zum ande­ren geht es hier kei­nes­wegs nur um Gru­sel­ef­fek­te, viel­mehr stellt der fran­zö­si­sche Autor Phil­ip Le Roy eine the­ma­ti­sche Ver­bin­dung zu Kunst und Kul­tur her. Das zeigt sich an der Wahl sei­ner Prot­ago­nis­ten: acht lite­ra­risch und musisch gebil­de­ten Jugend­li­chen mit krea­ti­ven Ambi­tio­nen. „Die Acht“, so nennt sich eine Cli­que von Gym­na­si­as­ten, die sich als Eli­te der Abschluss­klas­se ver­ste­hen und ent­spre­chend arro­gant auf­tre­ten. Sie alle sind intel­li­gent, schön oder in irgend­ei­ner Wei­se beson­ders – und vor allem las­sen sie nie­man­den in ihren erlauch­ten Zirkel.

Quen­tin lädt die Cli­que zu einer Gru­sel­par­ty ins schi­cke Land­haus sei­ner Eltern ein. Die zu einer Archi­tek­ten­vil­la aus­ge­bau­te ehe­ma­li­ge Schä­fe­rei liegt abge­schie­den in den Ber­gen rund um den süd­fran­zö­si­schen Col de Vence, also in einer mon­dä­nen und teu­ren Gegend im Hin­ter­land von Niz­za. Die Freun­din­nen und Freun­de ver­ab­re­den, dass sich jeder etwas ein­fal­len las­sen müs­se, um den Rest der Grup­pe dazu zu brin­gen, sich zu gru­seln – damit klin­gen ver­schie­de­ne lite­ra­ri­sche Refe­ren­zen an: Man den­ke an das Mär­chen von einem, der aus­zog das Fürch­ten zu ler­nen, an die Grup­pe von jun­gen Adli­gen, die sich in Boc­cac­ci­os Deka­me­ron im kul­ti­vier­ten Ambi­en­te eines ita­lie­ni­schen Land­hau­ses die Zeit mit dem Erzäh­len von Geschich­ten ver­trei­ben, wäh­rend drau­ßen die Pest wütet, oder aber an Mary Shel­leys Fran­ken­stein.1 In Die Nacht der Acht gilt fol­gen­de Devi­se: Wer Angst zeigt, muss etwas trinken.

Quel­ques secon­des plus tard, le ton­ner­re gron­da au-des­sus d’eux. La mai­son trem­b­la.
– Vu! dit Juli­en en poin­tant Camil­le du doigt. Tu as eu peur, tu dois boi­re quat­re gor­gées.
Quen­tin lui ser­vit un ver­re de wodka […] 

Eini­ge Sekun­den spä­ter groll­te der Don­ner direkt über ihnen. Das Haus beb­te.
„Erwischt!“ Juli­en zeig­te auf Camil­le. „Du hast Angst gehabt, also musst Du trin­ken.“
Quen­tin brach­te ihr ein Glas Wodka.

Man fragt sich, wes­halb in der deut­schen Über­set­zung „quat­re gor­gées“, also „vier Schlu­cke“, weg­ge­las­sen wur­de. Schien die Men­ge dem Lek­to­rat zu viel für ein Jugend­buch ab 14, zumal es sich um Wod­ka han­delt? Wenn das so ist, wäre es ein Bei­spiel für die lei­der um sich grei­fen­de mora­li­sie­ren­de Ent­schär­fung von Jugend­li­te­ra­tur. Die Dar­stel­lung der unter Jugend­li­chen ver­brei­te­ten Mode der Trink­spie­le scheint jeden­falls realistisch.

Nach und nach wird ein anfäng­lich harm­lo­ses Ver­gnü­gen zum Hor­ror. Nicht nur, dass die Cli­que immer betrun­ke­ner wird, weil sich jeder etwas beson­ders Ori­gi­nel­les ein­fal­len lässt, um die ande­ren zu erschre­cken. Viel­mehr wird, was anfäng­lich nur als Scherz gedacht war, schnel­ler zum bit­te­ren Ernst, als es sich die Jugend­li­chen träu­men las­sen. Wäh­rend vie­le Gru­sel­mo­men­te – abge­schnit­te­ne blu­ti­ge Fin­ger, eine als Geist ver­klei­de­te Frau – bald als geschickt ein­ge­fä­del­ter Ulk ent­tarnt wer­den, kön­nen sich die Jugend­li­chen ande­re Phä­no­me­ne nicht erklä­ren: Plötz­lich lie­gen gro­ße Stei­ne her­um, die nie­mand abge­legt haben will, zuvor geschlos­se­ne Türen ste­hen offen, man hört immer wie­der Schrit­te, obwohl doch alle bei­sam­men sind. Maja von Vogels Über­set­zung bedient sich wie das fran­zö­si­sche Ori­gi­nal des gesam­ten klas­si­schen Gru­sel­vo­ka­bu­lars, wie auch die nach­ste­hen­de Pas­sa­ge ein­drück­lich zeigt (wenn­gleich das Verb „gémir“ viel­leicht noch etwas unheim­li­cher mit einem eben­falls anthro­po­mor­phi­sie­ren­den Verb wie z. B. „stöh­nen“ oder „seuf­zen“ zu über­set­zen wäre):

Au même moment, ils enten­dirent un bruit de pas rapi­des et sac­ca­dés. On aurait dit que quelqu’un cou­rait avec des béquilles. […] La tem­pê­te fai­sait claquer les bâches de chan­tier, se frois­ser les fron­dai­sons, craquer la char­pen­te et gémir les huisseries.

Im sel­ben Moment hör­ten sie das Geräusch schnel­ler ungleich­mä­ßi­ger Schrit­te. Es klang, als wür­de jemand mit Krü­cken lau­fen. […] Der Sturm ließ die Pla­nen auf der Bau­stel­le knat­tern, das Laub in den Bäu­men rausch­te, die Bal­ken knack­ten und die Fens­ter­rah­men knarrten.

Die Cli­que sucht für die hier geschil­der­ten Phä­no­me­ne zunächst erklär­ba­re Begrün­dun­gen und beweist ein­mal mehr ihren Hang zur Intel­lek­tua­li­tät. Im Haus ste­hen zwei Bücher über para­nor­ma­le Phä­no­me­ne am Col de Vence, denen zufol­ge schon in alten Erzäh­lun­gen und Legen­den die Rede von mys­te­riö­sen Vor­komm­nis­sen in die­ser Gegend gewe­sen sei. Man merkt, dass der Autor Phil­ip Le Roy in Vence lebt und sich aus­kennt. Die erwähn­ten Bücher bezie­hen sich auf rea­le Titel, die am Ende des Romans noch ein­mal auf­ge­führt wer­den. Es ist erfreu­lich, dass die klei­ne Biblio­gra­phie auch in der deut­schen Aus­ga­be eins zu eins über­nom­men wur­de (sogar mit einer deut­schen Über­set­zung der Buch­ti­tel zum bes­se­ren Ver­ständ­nis), so könn­te man den Lite­ra­tur­hin­wei­sen nach­ge­hen; das Buch viel­leicht sogar als gru­se­li­ge Rei­s­e­lek­tü­re für einen Besuch des Hin­ter­lands von Niz­za vorsehen. 

Nach­dem sich die Jugend­li­chen in der Annah­me bestä­tigt sehen, dass es in der Gegend spu­ken könn­te, beschlie­ßen sie, der unbe­kann­ten Bedro­hung gemein­sam ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die Erklä­run­gen und Ver­mu­tun­gen zu den para­nor­ma­len Phä­no­me­nen tra­gen zur Ver­un­si­che­rung bei und illus­trie­ren somit per­fekt Tzve­tan Todo­rovs Defi­ni­ti­on der phan­tas­ti­schen Lite­ra­tur: Ihr zufol­ge basiert das Phan­tas­ti­sche in der Lite­ra­tur auf der Unschlüs­sig­keit des Lesers, ob die dar­ge­stell­ten Ereig­nis­se ratio­nal erklär­bar sind oder nicht.2 Immer wie­der mischen sich nun Rea­li­tät und Unbe­kann­tes: Der Geist der toten Mit­schü­le­rin Manon taucht auf – was dahin­ter­steckt, soll hier nicht ver­ra­ten wer­den. Doch schon bald zeigt das Uner­klär­ba­re die Dimen­si­on einer äußerst bedroh­li­chen Rea­li­tät, näm­lich als sich her­aus­stellt, dass das W‑Lan nicht mehr funk­tio­niert und die Tele­fon­lei­tung gekappt ist. Das Gefühl einer dif­fu­sen Angst vor dem nicht Greif­ba­ren macht sich breit. Dies wird inso­fern gut umge­setzt, als sich nun auch die Leser fra­gen, woge­gen die Jugend­li­chen eigent­lich ankämpfen. 

– Des appa­reils pho­to qui se blo­quent, tu dis ? s’étonna Marie.
– Ent­re autres phé­nomè­nes.
– Le mien a mer­dé tout à l’heure.

Marie horch­te auf. „Foto­ap­pa­ra­te, die nicht mehr funk­tio­nie­ren, sagst du?“
„Unter ande­rem, ja.“
„Mei­ne Kame­ra hat vor­hin auch rumgezickt.“

Das Gespräch wirkt völ­lig nor­mal. Die locke­re Spra­che der Jugend­li­chen, für die im Deut­schen gut pas­sen­de Ent­spre­chun­gen gefun­den wer­den („merdé“=„rumgezickt“), trägt zum Gefühl bei, es hand­le sich um eine All­tags­si­tua­ti­on. So lässt sich der Roman auch auf einer psy­cho­lo­gi­schen Ebe­ne lesen: Die Angst in uns kann stär­ker sein als die bana­le Rea­li­tät. Das Umschla­gen der Stim­mung, wenn die Akteu­re erken­nen, dass sie ganz auf sich gestellt sind und plötz­lich nicht mehr wis­sen, ob eine Situa­ti­on wirk­lich gefähr­lich ist oder zum Spiel gehört, erzeugt Span­nung. Dem ent­spricht auf der sprach­li­chen Ebe­ne ein Wech­sel von locke­ren Dia­lo­gen und Kab­be­lei­en zu knap­pen und sach­li­chen Aus­sa­gen, wenn aus der lus­ti­gen Situa­ti­on plötz­lich Ernst wird:

– On fait un débat ou on con­ti­nue à sécu­ri­ser le péri­mèt­re? s’impatienta Meh­di. T’es allé cher­cher ça où «sécu­ri­ser le péri­mèt­re»? lui lan­ça Juli­en.
– T’es allé cher­cher ça où «sécu­ri­ser le péri­mèt­re»? lui lan­ça Juli­en.
– Dans un film.
Il faut blo­quer l’escalier, con­seil­la Maxi­me.
Ils con­strui­si­rent une bar­riè­re […]
Une mau­vai­se sur­pri­se les atten­dait dans le bureau. Une pierre avait per­cu­té le moni­teur con­nec­té aux camé­ras de sur­veil­lan­ce. L’écran était endom­ma­gé.
– Je veux par­tir, dit Camil­le en con­statant les dégâts.[…]
– Ça ne sert à rien de fuir, dit Meh­di. On n’a nulle part où aller.

„Wollt ihr wei­ter rum­quat­schen oder das rest­li­che Haus sichern?“ Meh­di wur­de unge­dul­dig. Juli­en ver­dreh­te die Augen.
„Das rest­li­che Haus sichern – woher hast Du das?“
„Aus einem Film.“
„Wir soll­ten die Trep­pe blo­ckie­ren“, schlug Maxi­me vor.
Sie bau­ten eine Absper­rung […]
Im Arbeits­zim­mer erwar­te­te sie eine böse Über­ra­schung. Jemand hat­te mit einem Stein den Moni­tor zer­trüm­mert, der an die Über­wa­chungs­ka­me­ras ange­schlos­sen war.
Camil­le wur­de blass, als sie die Scher­ben sah. „Ich will hier weg!“ […]
„Flucht ist zweck­los”, stell­te Meh­di fest. „Wir kön­nen nirgendwohin.“

Es erschließt sich nicht ganz, wie­so das geschraubt klin­gen­de und daher wit­zi­ge „sécu­ri­ser le péri­mèt­re“, also wört­lich „den Peri­me­ter sichern“, mit „Haus sichern“ über­setzt wur­de, denn damit kommt der über­trie­be­ne Sprach­stil nicht zur Gel­tung. Viel­leicht hät­te „Umland“ oder „Umge­bung“, sogar „Peri­me­ter“ oder eine Wen­dung der Kri­mi­nal­spra­che hier bes­ser gepasst. Ins­ge­samt ist die Spra­che der Jugend­li­chen im Deut­schen aber sehr gut getrof­fen. Die im Fran­zö­si­schen umgangs­sprach­lich ver­schluck­ten Sil­ben wie z. B. in „T’es allé“ (statt „Tu es“) sind im Deut­schen sel­te­ner, dafür wird ab und zu das Endungs‑e im kon­ju­gier­ten Verb weg­ge­las­sen („Ich hab kei­ne Angst, ich mach mir nur Sor­gen“). Die Über­set­ze­rin Maja von Vogel, die als Lek­to­rin in einem Kin­der­buch­ver­lag gear­bei­tet hat, fängt die locke­re Jugend­spra­che sehr gut ein über kur­ze, kla­re Sät­ze und die Wort­wahl (z. B. „rum­quat­schen“).

Wäh­rend die Cli­que noch der Fra­ge nach­geht, wer hin­ter den mys­te­riö­sen Vor­fäl­len steckt, ver­schwin­det erst Mat­hil­de, dann Quen­tin. Und so geht es wei­ter, einer nach dem ande­ren, und zwar immer dann, wenn er oder sie einen Augen­blick allein ist. Schließ­lich blei­ben nur noch zwei Mäd­chen übrig, die Nacht scheint kein Ende zu neh­men. Gleich zu Beginn wird Span­nung erzeugt, indem der Pro­log die Poli­zei bei der Suche zeigt und uns damit wis­sen lässt, dass alle acht Jugend­li­chen an einem Abend aus dem Haus ver­schwun­den sind. Wir ahnen also schon nach dem ers­ten Ver­schwin­den, dass es bald auch die ande­ren ereilt und nie­mand dem unbe­kann­ten Hor­ror ent­kom­men kann. Das hohe Erzähl­tem­po unter­stützt die­sen Wett­lauf gegen die Zeit. Das Buch ist in recht kur­ze Kapi­tel unter­teilt. Es wird schnell erzählt und am Kapi­te­len­de wer­den häu­fig geschickt Cliff­han­ger ein­ge­setzt, um die Unge­duld der Lese­rin­nen und Leser wei­ter zu steigern:

– Il s’arrêta en haut des mar­ches, recu­la et refer­ma aus­si­tôt la por­te devant Camil­le et lui.
– Qu’estce que t’as ? deman­da-t-elle.
– Il y a quelqu’un en bas.

Auf dem Trep­pen­ab­satz blieb Quen­tin wie ange­wur­zelt ste­hen, wich zurück und schloss has­tig die Tür.
„Was ist los?“, frag­te Camil­le.
„Da unten ist jemand.“

Der Autor arbei­tet immer wie­der mit Über­ra­schungs­ef­fek­ten und das durch­aus über­zeu­gend, so dass die Leser­schaft bei jedem neu­en Trick denkt, oh, was ist das, jetzt wird es aber ernst. Die Anspan­nung, unter der die Jugend­li­chen ste­hen, führt außer­dem dazu, dass sie mehr aus sich her­aus­ge­hen. Es wer­den Lie­bes­er­klä­run­gen gemacht und alte Rech­nun­gen begli­chen. Aller­dings ent­spricht nicht jede Akti­on der unter den Jugend­li­chen abge­spro­che­nen Vor­ga­be, sich auf das übli­che Gru­sel­re­per­toire zu bezie­hen: Wenn der ara­bisch­stäm­mi­ge Meh­di plötz­lich mit einer Waf­fe droht und „Alla­hu Akbar“ schreit und sich in einer durch­aus über­zeu­gend klin­gen­den Hass­ti­ra­de gegen die leicht­fer­ti­gen Fran­zö­sin­nen und die deka­den­te west­li­che Welt wen­det, fürch­tet zwar auch die Lese­rin einen Moment, dass sich nun ein ech­ter Pro­blem­fall outet und die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät des Isla­mis­mus die Jugend­li­chen ein­holt. Doch auch hier heißt es wie­der: Alles nur Spaß, ich habe Euch rein­ge­legt. Wie Meh­di vor­spielt, ein isla­mis­ti­scher Atten­tä­ter zu sein, ist sehr gelun­gen dar­ge­stellt. Sein Auf­tritt wirkt über­zeu­gend und jagt den ande­ren Jugend­li­chen gro­ße Furcht ein, passt aber nicht so recht zu den übri­gen aus der Welt der Gothic Novel stam­men­den Schauer­ef­fek­ten. Die Angst, Meh­di kön­ne ein heim­li­cher Isla­mist sein, steht in schar­fem Kon­trast zum Set­ting der knar­ren­den Die­len, der Gespens­ter und des ums Haus peit­schen­den Winds und Regens. Es wirkt, als habe der Autor das in Frank­reich hoch­ak­tu­el­le The­ma des Isla­mis­mus an Schu­len auch noch in den Roman quet­schen wol­len, um die­sem eine poli­ti­sche Dimen­si­on zu verleihen. 

Gut gelun­gen ist die Figu­ren­zeich­nung, denn jeder Jugend­li­che hat sei­ne eige­nen Cha­rak­te­ris­ti­ka und ist somit klar unter­scheid­bar, wie­wohl gewis­se Ste­reo­ty­pen etwas pla­ka­tiv daher­kom­men: Der ara­bisch­stäm­mi­ge Meh­di, der schwu­le Schön­ling Juli­en, Camil­le, eine blon­de Schön­heit aus rei­chem Hau­se oder die rebel­li­sche und fre­che Mat­hil­de. In der Welt der Acht spie­len außer­dem die Selbst­mör­de­rin und Außen­sei­te­rin Manon eine Rol­le, sowie der „big loo­ser“ genann­te Clé­ment, den sie aus Mit­leid zu ihrem Abend ein­ge­la­den haben. Es wer­den gän­gi­ge Teen­agerkli­schees bedient und jugend­li­che Lese­rin­nen und Leser kön­nen in die­sen Figu­ren, obwohl die­se nicht immer sym­pa­thisch wir­ken, leicht Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mus­ter fin­den.  Aller­dings wirkt es etwas arti­fi­zi­ell, dass alle Jugend­li­chen unter­schied­li­che künst­le­ri­sche Bega­bun­gen haben sollen.

Die Über­set­ze­rin Maja von Vogel über­trägt die fran­zö­si­sche Atmo­sphä­re im Roman, indem sie Fran­zö­si­sches ste­hen lässt und in Frank­reich bekann­te Per­so­nen wie die Tän­ze­rin Syl­vie Guil­lem oder den Chan­son­nier Mau­rice Che­va­lier, die den jugend­li­chen deut­schen Lese­rin­nen und Lesern ver­mut­lich nicht so ver­traut sind, in einem Glos­sar erklärt. Dazu gehö­ren die für die gro­ßen Inter­net­kon­zer­ne ste­hen­den Akro­ny­me GAFAM und NATU oder auch die in Frank­reich unter Jugend­li­chen ver­brei­te­te Geheim­spra­che Ver­lan, einem Akro­nym für „à l’envers“ („anders her­um“). Die Jugend­li­chen stel­len Fra­gen über ein Oui­ja-Brett – ein spi­ri­tis­ti­sches Hilfs­mit­tel, um spie­le­risch mit Geis­tern in Kon­takt zu tre­ten – und erhal­ten die Ant­wort „NO MAN“. Sie erin­nern sich dar­an, wie im Ver­lan Sil­ben ver­tauscht wer­den und kom­men so auf den Namen „Manon“. Das „typisch“ Fran­zö­si­sche ver­stär­ken lite­ra­ri­sche Anspie­lun­gen wie ein Vers aus einem Dra­ma von Pierre Corn­eil­le, und immer wie­der die von Sprach­witz gepräg­ten Kab­be­lei­en. Anspie­lun­gen auf den Schul­all­tag der über­wie­gend aus einer gebil­de­ten Ober­schicht stam­men­den Jugend­li­chen und flot­te Dia­lo­ge run­den das Gan­ze ab. Die Nacht der Acht ent­hält kul­tu­rel­le Anre­gun­gen wie Fil­me, über die sich die Jugend­li­chen aus­tau­schen, oder Musik­ti­tel, die am Ende in einer Play­list auf­ge­führt sind. So hat das Buch einen ech­ten Mehr­wert, denn Lese­rin­nen und Leser kön­nen die Lie­der anhö­ren und so die Par­ty­si­tua­ti­on nach­emp­fin­den. Auf der Play­list ste­hen nicht nur eng­li­sche Titel, son­dern auch die fran­zö­si­sche Hip­hop­band Stu­peflip ist ver­tre­ten. Fran­ko­phi­le Leser wird das auf jeden Fall ansprechen. 

Das The­ma der abge­ho­be­nen Freun­des­cli­que, die sich für Lite­ra­tur, Anti­ke und Kunst inter­es­siert und in einen Kri­mi­nal­fall ver­wi­ckelt ist, wur­de mit dem Roman The Secret Histo­ry (1992) von Don­na Tar­tt (Die gehei­me Geschich­te, Über­set­zung von Rai­ner Schmidt, 1993) zum lite­ra­ri­schen Topos. Die The­ma­tik hat mitt­ler­wei­le ihren fes­ten Platz in der Lite­ra­tur, in Fil­men, Musik und Mode als über­wie­gend von Jugend­li­chen kul­ti­vier­te Sub­kul­tur-Ästhe­tik namens „Dark Aca­de­mia“: Ihre Ele­men­te sind ein häu­fig uni­ver­si­tä­res, eli­tä­res Set­ting, Intel­lek­tua­li­tät, dazu der exzes­si­ve Kon­sum von Alko­hol und ande­ren Rausch­mit­teln, dies alles, um sich in jeder Hin­sicht von der als banal emp­fun­de­nen Welt der Ver­nunft abzugrenzen.

Die Nacht der Acht basiert auf einer unge­wöhn­li­chen Thril­ler­idee, die den Dark-Aca­de­mia-Trend auf­greift, ihn jedoch – weg von eng­li­schen oder ame­ri­ka­ni­schen Inter­na­ten – ins süd­fran­zö­si­sche Dépar­te­ment Alpes-Mari­ti­mes ver­legt; auch die Über­set­zung trans­por­tiert geschickt das fran­zö­si­sche Ambi­en­te. Der Roman ist span­nend geschrie­ben mit einem zwar nicht ganz plau­si­blen, aber dafür über­ra­schen­den Schluss, bei dem der Übel­tä­ter ver­hält­nis­mä­ßig gut wegkommt.

Phil­ip Le Roy | Maja von Vogel

Die Nacht der Acht

Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: Dans la mai­son

Carl­sen 2021 ⋅ 288 Sei­ten ⋅ 15 Euro


  1. „Aber der Som­mer stell­te sich als nass und unfreund­lich her­aus, und unab­läs­si­ger Regen fes­sel­te uns oft tage­lang ans Haus. […] ‚Wir wol­len alle eine Gespens­ter­ge­schich­te schrei­ben‘, sag­te Lord Byron, und sein Vor­schlag wur­de ange­nom­men.“ (Mary Shel­ley: Fran­ken­stein oder Der moder­ne Pro­me­theus. Über­setzt von Ursu­la und Chris­ti­an Gra­we. Reclam 1986; S. 7 f.)
  2. „Le fan­tas­tique, c’est l’hésitation par un être qui ne con­naît que les lois natu­rel­les, face à un évé­ne­ment en appa­rence sur­na­tu­rel.“ (Tzve­tan Todo­rov: Intro­duc­tion à la lit­té­ra­tu­re fan­tas­tique. Le Seuil 1970, S. 29)

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