Aller guten Nacht­ge­schich­ten sind drei

Minimalistische Erzählkunst für Kinder: Kitty Crowther und Tobias Scheffel schenken uns ein kleines, aber feines Vorlesebuch für hartnäckige Einschlafverweigerer. Von

Hintergrundbild: Detail aus dem Buch, mit freundlicher Genehmigung des Antje Kunstmann Verlags.

Davon kön­nen Eltern auf der gan­zen Welt wohl ein Lied sin­gen: Nur sel­ten las­sen sich die lie­ben Klei­nen abends mit einer ein­zi­gen Gute­nacht­ge­schich­te abspei­sen, bevor sie Ein­schla­fen auch nur ansatz­wei­se wohl­wol­lend in Erwä­gung zie­hen. Der klei­ne Bär von Kit­ty Crow­ther ist da kei­ne Aus­nah­me – doch immer­hin for­mu­liert er sei­ne Erwar­tun­gen trans­pa­rent und for­dert ohne Umschwei­fe gleich drei Geschich­ten: „Bit­te, bit­te und bit­te. Ich habe auch drei­mal bit­te gesagt!“

Zora ©Ver­lag Ant­je Kunstmann

Und so erzählt ihm sei­ne Mut­ter erst die Geschich­te von der Nacht­wäch­te­rin, die all­abend­lich mit ihrem Gong den Tie­ren des Wal­des die Stun­de der Nacht­ru­he schlägt – aber von wem erfährt sie selbst, dass es Zeit zum Schla­fen ist? Die muti­ge Zora ver­irrt sich beim Brom­beer­sam­meln im Wald und fin­det einen unge­wöhn­li­chen Schlaf­platz, und zum Schluss beglei­ten wir den klei­nen Bo, der auf der Suche nach einer Müt­ze voll Schlaf sei­nen Freund, den Otter Otto, besucht.

Die bel­gi­sche Autorin Kit­ty Crow­ther, 1970 als Toch­ter einer Schwe­din und eines Bri­ten in Brüs­sel gebo­ren und 2010 für ihre Bil­der­bü­cher mit dem Astrid Lind­gren Memo­ri­al Award, dem wich­tigs­ten inter­na­tio­na­len Preis für Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur, aus­ge­zeich­net, hat mit Peti­tes his­toires de nuits (Pas­tel 2017) ein wun­der­ba­res Vor­le­se­buch erschaf­fen. Und Tobi­as Schef­fel, der unter ande­rem 2011 den Son­der­preis des Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­prei­ses für sein Gesamt­werk als Über­set­zer erhielt, hat Klei­ne Gute­nacht­ge­schich­ten (Ver­lag Ant­je Kunst­mann 2021) wun­der­bar ins Deut­sche übertragen.

Das mag auf den ers­ten Blick gar nicht schwer aus­se­hen, ist doch die Spra­che des Ori­gi­nals denk­bar schlicht gehal­ten. Die Kunst besteht gera­de dar­in, die­se Schlicht­heit eben­so über­zeu­gend rüber­zu­brin­gen. Die Geschich­ten neh­men sich erzäh­le­risch weit zurück und ver­zau­bern durch ihren mär­chen­haft anmu­ten­den Minimalismus.

Dans la forêt pro­fon­de, pas très loin d’ici, vivait une gar­di­en­ne de nuit.

Nicht weit von hier, tief im Wald, leb­te eine Nachtwächterin.

Schef­fel hält sich eng an die Syn­tax der Vor­la­ge und wider­steht der Ver­su­chung, sie im Deut­schen kom­ple­xer zu gestal­ten. Sei­ne Sprach­fer­tig­keit zeigt sich an unauf­fäl­li­gen Details wie der Umstel­lung des Sat­zes „Nicht weit von hier, tief im Wald…“ Damit nimmt er uns erzäh­le­risch qua­si an die Hand und führt uns gera­de­wegs in den Wald und in die Geschich­te hinein.

©Ver­lag Ant­je Kunstmann 

In der ein­fa­chen Spra­che wir­ken durch expres­si­ve Wör­ter gesetz­te Akzen­te umso stär­ker, etwa wenn der schlaf­lo­se Bo, der im Nest „einer übel­lau­ni­gen alten Eule“(„une vieil­le chou­et­te mal lun­ée“) wohnt, nicht „das kleins­te Fit­zel­chen Schlaf“ („une miet­te de som­meil“) fin­det. Das fran­zö­si­sche Pas­se­par­tout-Wört­chen „d’accord“ über­setzt Schef­fel je nach Situa­ti­on tref­fend mit „ein­ver­stan­den“ oder „schon gut, schon gut!“. Und als das Bären­jun­ge am Ende immer noch kei­ne Anzei­chen von Müdig­keit zeigt, son­dern im Gegen­teil beim Erzäh­len unauf­fäl­lig aus dem Bett auf den Schoß sei­ner Mut­ter gekrab­belt ist und – inspi­riert durch die gera­de gehör­ten Aben­teu­er – vol­ler Taten­drang neue Plä­ne schmie­det, sagt die Bären­mut­ter immer noch freund­lich, aber schon einen Hauch bestimm­ter: „jetzt wird geschla­fen“ („c’est l’heure de sombrer“).

Ein biss­chen kniff­lig wird es bei der letz­ten Geschich­te, die auf der logi­schen Ket­te „perd­re son som­meil (– cher­cher son som­meil) – trou­ver son som­meil“ auf­baut. Dass der eige­ne Schlaf als eine Sache beschrie­ben wird, die man ver­lo­ren hat und nun suchen geht, um sie wie­der­zu­fin­den, ist in der Über­set­zung nicht ganz so kon­se­quent nach­zu­bil­den, denn man kann im Deut­schen nun mal nicht „sei­nen Schlaf ver­lie­ren“. Es klingt aber zumin­dest an:

„[L’histoire] du mon­sieur avec son grand man­te­au qui a per­du son som­meil.“ […]
„Impos­si­ble de trou­ver une miet­te de som­meil.“ […]
„Bo sor­tit dans les bois cher­cher son sommeil.“

„Die [Geschich­te] von dem Herrn mit dem gro­ßen Man­tel, der kei­nen Schlaf fand.“ […]
„Unmög­lich, auch nur das kleins­te Fit­zel­chen Schlaf zu fin­den.“ […]
„Auf der Suche nach dem Schlaf ging Bo in den Wald hinaus.“

Dafür funk­tio­nie­ren man­che Namen im Deut­schen sogar noch viel bes­ser als im Ori­gi­nal: Aus „la lout­re Otto“ kann nur „Otto, der Otter“ wer­den, und die klei­ne Zora (frz. Zho­ra), die nachts mut­ter­see­len­al­lein im Wald unter­wegs ist, erin­nert pas­sen­der­wei­se an die Rote Zora, die wil­de, muti­ge Ban­den­che­fin aus dem gleich­na­mi­gen Kin­der­buch­klas­si­ker von Kurt Held. Glück­li­che Zufäl­le natür­lich, aber auch als Über­set­zer darf man ja mal Glück haben.

Anders als vie­le ande­re Kin­der­bü­cher bemüht sich die­ses nicht dezi­diert um Umgangs­sprach­lich­keit, son­dern bleibt sprach­lich weit­ge­hend neu­tral – im Deut­schen sogar noch mehr als im Fran­zö­si­schen. „Oh miam!“ wird mit „Oh, lecker!“ über­setzt (seman­tisch völ­lig rich­tig, aber eben einen Tick kor­rek­ter), und auch man­che Ellip­sen des Ori­gi­nals wer­den vervollständigt:

„Tou­jours tes pro­blè­mes de som­meil?“ deman­da Otto.
„Oui“, sou­pi­ra Bo.

„Hast du immer noch dei­ne Schlaf­pro­ble­me?“, frag­te Otto.
„Ja“, ant­wor­te­te Bo seufzend.

Das hät­te man zwar auch auf Deutsch noch knap­per for­mu­lie­ren kön­nen, doch ins­ge­samt fügt sich der Erzähl­stil wun­der­bar in den Ton­fall der Geschich­ten ein, die gelas­sen und ent­schleu­nigt daher­kom­men und unter­halt­sam, aber eben nicht zu auf­re­gend sind … per­fekt zum Einschlafen!

Kit­ty Crow­ther | Tobi­as Schef­fel

Klei­ne Gutenachtgeschichten

Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: Peti­tes his­toires de nuits

Kunst­mann 2021 ⋅ 74 Sei­ten ⋅ 15 Euro


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