Über­set­zen im Krieg

Der russische Angriff auf die Ukraine hat auch für die dortigen Übersetzerinnen und Übersetzer alles verändert. Einblicke in eine Literaturszene im Ausnahmezustand Von

Die Arbeitsplätze von Übersetzerinnen und Übersetzern in der Ukraine sind genau so vielfältig wie überall auf der Welt. Doch unter den Bedingungen des Krieges erhalten die Talismane und Maskottchen, die auf oder neben dem Schreibtisch unterstützen, eine ganz neue Bedeutung. Fotos: Privat.

Am 7. März, kurz vor dem Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag, wur­de in ukrai­ni­schen sozia­len Netz­wer­ken ein Foto bewun­dert – die His­to­ri­ke­rin Nata­lia Yako­ven­ko sitzt an ihrem Lap­top und über­setzt Titus Livi­us’ Ab urbe con­di­ta. Drau­ßen don­ner­ten Kano­nen, die Kyji­wer Stadt­ver­wal­tung berich­te­te von Diver­s­an­ten auf den Stra­ßen, man­che Freund:innen ver­steck­ten sich vor Luft­an­grif­fen in den Kel­lern, vie­le, wie ich, waren auf der Flucht. Die betag­te Dame saß aber in ihrer gemüt­li­chen Küche im sowje­ti­schen Alt­bau und emp­fahl uns allen, den Opti­mis­mus nicht zu ver­lie­ren und „den Schal­ter umzu­le­gen“, also in die Arbeit zu ver­sin­ken. Das war ein Moment des Inne­hal­tens. Mein Kopf, berauscht von Zorn, Angst und Rat­lo­sig­keit, konn­te es nicht begrei­fen – jemand sitzt da, in einer unge­heiz­ten Woh­nung in der bela­ger­ten Stadt und freut sich auf die Über­set­zung über Puni­sche Kriege.

Ich selbst war nicht mal in der Lage, die E‑Mails zu beant­wor­ten. Ukrai­nisch, mei­ne Mut­ter­spra­che, wirk­te hohl und sub­stanz­leer, zudem hat­te ich erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten mit Kon­zen­tra­ti­on und konn­te bei­na­he kein Wort feh­ler­frei tip­pen. Mein letz­ter Ein­trag im Tage­buch stamm­te vom ers­ten Kriegs­tag. Danach konn­te ich nur auf Deutsch schrei­ben, meis­tens frag­men­ta­risch, in abge­son­der­ten Files, die ich immer wie­der ver­lor. Mein über­set­ze­ri­scher Atem ist sehr kurz gewor­den. Selbst eine 20-sei­ti­ge Datei muss­te ich mit noch zwei Kol­le­gin­nen tei­len, so ver­wüs­tet fühl­ten wir uns. Da die Kor­rek­tu­ren mei­ner Tipp­feh­ler viel Zeit fra­ßen, dik­tier­te ich die Über­set­zun­gen einer App und bes­ser­te den erhal­te­nen Text nach. Das Gute war, dass die ange­hen­den Ange­bo­te lite­ra­risch nicht anspruchs­voll waren, eine Meta­pher hät­te ich wahr­schein­lich nicht geschafft.

Das Foto erin­ner­te mich an die Vor­kriegs­zei­ten, an eine gewis­se Heim­lich­keit und Inti­mi­tät, die für die­sen Beruf immer typisch waren. Ich ken­ne nie­man­den in der Ukrai­ne, der oder die sich ein ordent­li­ches Büro leis­ten konn­te. Ein Schreib­tisch zu Hau­se, öfters in den über­füll­ten Klein­woh­nun­gen aus der Sowjet­zeit, gehör­te zum Stan­dard. Bei dem Flashmob #trans­la­tors­works­pace des Fes­ti­vals Trans­la­to­ri­um haben vie­le Übersetzer:innen den Küchen- oder Bal­kon­tisch ihren Arbeits­platz genannt. Eini­ge spra­chen von der Couch im Wohn­zim­mer, weil sie ihre Lap­tops sowie­so lie­ber auf den Knien hiel­ten. Dabei wur­de die Couch ger­ne mit Haus­tie­ren geteilt, als wäre Kuscheln ein Bestand­teil der Arbeit.

Bis vor weni­gen Jah­ren war lite­ra­ri­sche Über­set­zung als Brot­be­ruf in der Ukrai­ne nicht wirk­lich denk­bar. Seit den stür­mi­schen 90ern steck­te die Buch­bran­che in einer tie­fen Kri­se, der unter­ent­wi­ckel­te Markt bot weni­ge Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten an und litt an star­ker Kon­kur­renz mit rus­si­scher Buch­pro­duk­ti­on. Die Ver­lags­pro­gram­me waren win­zig. Die Über­set­zun­gen waren bei Ver­le­gern zwar beliebt, wur­den aber mise­ra­bel bezahlt und meis­tens nur im Fal­le aus­län­di­scher För­de­rung her­aus­ge­ge­ben. Wer sich unter sol­chen Umstän­den für die­sen Beruf ent­schied, war idea­lis­tisch und/oder ein Lite­ra­tur­freak mit ein paar Neben­jobs. Eini­ge, so wie ich, haben mehr von den Resi­denz­sti­pen­di­en im Aus­land gelebt als von den Hono­ra­ren. Die Com­mu­ni­ty war über­schau­bar, jede:r kann­te jede:n und war mit ihr/ihm befreun­det oder eben zerstritten.

Nach der Annek­tie­rung der Krym und dem Aus­bruch des Krie­ges in Don­bass 2014 sind wir plötz­lich in einer neu­en Berufs­welt auf­ge­wacht. Die Regie­rung hat end­lich Maß­nah­men getrof­fen, um den ukrai­ni­schen Buch­markt zu schüt­zen und Kul­tur zu för­dern, gewis­se Inves­ti­tio­nen sind in die Bran­che geflos­sen, meh­re­re Lite­ra­tur­fes­ti­vals und –prei­se wur­den lan­des­weit gegrün­det. Die Leser­schaft inter­es­sier­te sich immer mehr für ukrai­ni­sche Bücher, auf dem Markt wur­de ein über­ra­schen­der Boom regis­triert. Die Über­set­zun­gen spiel­ten dabei eine her­aus­ra­gen­de Rol­le – die Gesell­schaft such­te ver­zwei­felt nach Refle­xi­on und Aus­tausch über die Kriegs­er­fah­run­gen, und durch die 25-jäh­ri­ge Sta­gna­ti­on in der Bran­che sind eige­ne lite­ra­ri­sche Stim­men eher rar gewor­den. Plötz­lich muss­te ich den Ver­le­gern mit mei­nen Lieb­lings­bü­chern nicht mehr hin­ter­her­ren­nen – ich bekam Ange­bo­te und konn­te sogar aus­wäh­len, was ich über­set­zen woll­te. Immer mehr begeg­ne­te ich den Leu­ten, die das Über­set­zen zu ihrem Haupt­job erklär­ten und davon zu leben versuchten.

Was damit ein­her­ging, waren typi­sche Pro­ble­me der „frei­en“ Markt­wirt­schaft. Im Eifer des Wett­be­werbs setz­ten die Ver­la­ge auf eng­lisch­spra­chi­ge Best­sel­ler, so dass die Über­set­zun­gen aus „ande­ren“ Fremd­spra­chen, För­de­rung hin oder her, immer mehr aus dem Blick­feld ver­schwan­den und bei den klei­nen Ver­la­gen lan­de­ten, die der Kon­kur­renz nicht wirk­lich stand­hal­ten konn­ten. Auf der Suche nach schnel­lem Gewinn zöger­ten eini­ge Ver­la­ge nicht, schlecht lek­to­rier­te Tex­te und sogar Über­set­zun­gen über Dritt­spra­chen auf den Markt zu brin­gen. Dabei ging es etwa um die Sprach­rei­hen Japa­nisch-Rus­sisch-Ukrai­nisch oder Ara­bisch-Rus­sisch-Ukrai­nisch, wo die direk­te Über­tra­gung nicht zwangs­wei­se unmög­lich gewe­sen wäre, aber sicher­lich mehr gekos­tet hät­te. Vie­le Auf­trä­ge hat man an Einsteiger:innen zu einem Halb- und sogar Drit­tel­preis ver­ge­ben, die Schuld für Feh­ler und sti­lis­ti­sche Unfein­hei­ten wur­de meis­tens auf die Übersetzer:innen gescho­ben. Die Leser:innen rebel­lier­ten, bei gro­ßen Skan­da­len muss­ten eini­ge Bücher zurück­ge­ru­fen und neu über­setzt wer­den. Eine Debat­te über die Qua­li­täts­kri­te­ri­en der Lite­ra­tur­über­set­zung schien unausweichlich.

Der Fach­kreis der Kolleg:innen wuchs. Die Face­book­grup­pe „Ukrai­ni­sche Über­set­zer“, frü­her ca. 4.000 Men­schen stark, zähl­te am Vor­tag des gro­ßen Krie­ges etwa 12.000 Mit­glie­der; die Daten­bank der Literaturübersetzer:innen von Trans­la­tors in Action wies dage­gen nur 317 Ein­trä­ge auf. Die wah­re Zahl müss­te also irgend­wo bei ein paar Tau­send lie­gen. Die Neueinsteiger:innen beklag­ten sich über Man­gel an Aus- und Fort­bil­dungs­mög­lich­kei­ten, die Tari­fe und Arbeits­be­din­gun­gen waren zum Teil kata­stro­phal. Eine Stu­die von Trans­la­tors in Action aus dem Jahr 2021 zeigt, dass sich über 40 % der Kolleg:innen über­las­tet fühl­ten, fast 30 % arbei­te­ten per­ma­nent übers Wochen­en­de, knapp über 20 % konn­ten sich seit zwei Jah­ren kei­nen Urlaub leis­ten. Zwei Drit­tel der Befrag­ten waren unterbezahlt.

In der Ukrai­ne wird der Min­dest­satz für Lite­ra­tur­über­set­zung von einem Gesetz gere­gelt, das den Sei­ten­preis in einen Pro­porz zum Min­dest­lohn bringt. Im Jahr 2021 lag die­ser Wert bei ca. 9 Euro pro Norm­sei­te. In Wirk­lich­keit zahl­ten die Ver­la­ge 1,7 bis 5 Euro pro Sei­te, oft wur­den die Aus­zah­lun­gen ver­zö­gert. Nur 9 % der Befrag­ten beka­men 9 Euro pro Norm­sei­te oder mehr. Vie­le beklag­ten sich über Dau­er­stress und feh­len­de Bereit­schaft der Ver­la­ge, über die Bedin­gun­gen zu ver­han­deln. Ein Zehn­tel der Übersetzer:innen hat oft oder sehr oft gar ohne Ver­trag gear­bei­tet. Um 40 % der Respondent:innen haben sich als unsicht­bar wahr­ge­nom­men: sie wur­den nicht zu den Prä­sen­ta­tio­nen ein­ge­la­den und nicht in den Ver­an­stal­tun­gen oder Pres­se­mit­tei­lun­gen als Autor:innen der Über­set­zung erwähnt.

Wir berei­te­ten uns auf einen dra­ma­ti­schen Kampf um fai­re Bezah­lung und Respekt vor, den die Kolleg:innen aus dem Bereich der Buch­ge­stal­tung und –Illus­tra­ti­on bereits begon­nen hat­ten. Die Übersetzer:innen for­der­ten mehr Geld und Sicht­bar­keit, For­ma­li­sie­rung der Arbeits­ver­hält­nis­se, bes­se­res Lek­to­rat, mehr Ver­ant­wor­tung der Ver­la­ge für her­aus­ge­ge­be­ne Bücher, mehr Aus­tausch und Beach­tung eige­ner Bedürf­nis­se! Wir tra­fen uns in den Buch­mes­sen und Fes­ti­vals und orga­ni­sier­ten über­set­ze­ri­sche „Kla­ge­aben­de“ aka Selbst­hil­fe­grup­pen. Man­che Insti­tu­tio­nen und Verleger:innen mach­ten mit, indem sie die Ein­hal­tung des Geset­zes zur För­der­be­din­gung mach­ten oder die Namen der Übersetzer:innen auf dem Cover abdruck­ten. Die ande­ren jam­mer­ten wei­ter über „uner­fah­re­ne Grün­lin­ge, die so frech sind, dass sie sich dem Autor gleich­stel­len wol­len“. Das Kampf­feld war weit, zu Hau­se schnurr­te aber mei­ne Kat­ze, und Syn­tax ver­lieh mir das Gefühl, dass die Welt struk­tu­riert und über­setz­bar ist.

Der 24. Febru­ar hat die­ses Gefühl zunich­te gemacht.

Nach zwei Mona­ten, als ich mei­nen Schmerz end­lich aus­zu­hau­chen ver­moch­te, frag­te ich mei­ne Kolleg:innen, wie es ihnen geht. Ob sie über­set­zen kön­nen und ob die Spra­che immer noch ein pas­sen­des Instru­ment für sie ist, um die Welt zu beschrei­ben. Ich habe sie gebe­ten, einen Gegen­stand auf ihrem Arbeits­platz zu foto­gra­fie­ren, der für sie eine sym­bo­li­sche Bedeu­tung hat, und ihn zu kom­men­tie­ren. Eini­ge haben das gemacht, ande­re nicht. Vie­le haben sich gewünscht, anonym zu blei­ben. Ins­ge­samt habe ich 50 Ant­wor­ten erhal­ten. Eini­ge kann ich nur bewun­dern, man­che bre­chen mir das Herz, vie­les kann ich nur zu gut nach­voll­zie­hen. Ich will die Ein­drü­cke aber nicht aus­wer­ten oder erklä­ren. Denn nach mei­ner tiefs­ten Über­zeu­gung besteht die Über­set­zung auch dar­in, ande­ren zuhö­ren zu können.


Ich kann arbei­ten, weil ich das Wich­tigs­te, ein neu­es Note­book, von zu Hau­se mit­ge­nom­men habe. Den zwei­ten Com­pu­ter habe ich zer­legt und die Fest­plat­te her­aus­ge­nom­men, damit die Infor­ma­tio­nen nicht in die Hän­de des Fein­des fal­len. Ich habe einen Arbeits­platz, es ist recht bequem, weil ich mein eige­nes Zuhau­se habe . Es wird jeden Tag leich­ter zu arbei­ten, aber natür­lich nicht so ein­fach wie vor dem Krieg, weil ich mich zwin­gen muss, mich zu kon­zen­trie­ren, und stän­dig trü­be Gedan­ken ver­trei­ben muss.

Es gelingt, aber bis jetzt nur man­gel­haft – und zwar nur bei Tex­ten, die kei­ne gro­ße geis­ti­ge Anstren­gung erfor­dern. An unfer­ti­gen lite­ra­ri­schen Über­set­zun­gen kann ich der­zeit nicht wei­ter­ar­bei­ten. Der erleb­te gro­ße Stress stell­te alles auf den Kopf, ließ mich an der Mach­bar­keit der eige­nen Arbeit im All­ge­mei­nen zwei­feln, nicht nur beim Ver­ste­hen von Fremd­spra­chen. Aber ich ver­glei­che mei­ne beruf­li­chen Fähig­kei­ten gedank­lich mit einer Axt. Auch wenn die­ses Werk­zeug kaputt und abge­stumpft ist, ist es immer noch eine Axt. Sie kann in geschick­ten Hän­den funk­tio­nie­ren, wenn sie geschlif­fen oder der Griff erneu­ert wird.

Eine rosa Com­pu­ter­maus. Ich habe kurz vor dem Krieg eini­ges an Zube­hör gekauft, um mir die Arbeit zu erleich­tern: eine gute schnur­lo­se Maus und eine Super­tas­ta­tur. Und als wir trotz mei­nes damals schwa­chen Denk­ver­mö­gens die Eva­ku­ie­rung ris­kier­ten, steck­te ich die­se Maus in mei­nen Ruck­sack, obwohl ich nicht wuss­te, ob ich sie jemals wie­der brau­chen wer­de. Jetzt ist die­se Maus ein Sym­bol dafür, dass ich nicht in Butscha umge­kom­men bin und mei­ne Fähig­kei­ten und Arbeits­mit­tel noch immer der Gesell­schaft die­nen werden.

Ole­na Liubenko

Die Aus­wir­kun­gen des Krie­ges sind uns allen bewusst. Ich habe die Zusam­men­ar­beit mit einem rus­sisch­spra­chi­gen Kun­den been­det. Das Geld aus dem vor­he­ri­gen Auf­trag habe ich an die ukrai­ni­sche Armee überwiesen.

Kira V. Vereshchagina

Ich kann arbei­ten und tue das auch, obwohl es wäh­rend der Beset­zung der Regi­on Tscher­ni­hiw Pro­ble­me mit der Inter­net­ver­bin­dung gab; ich muss­te das mobi­le Inter­net benut­zen, das aber auf­grund der Kämp­fe eben­falls schlecht funk­tio­nier­te. Ansons­ten kann ich sagen, dass sich an den Arbeits­be­din­gun­gen nichts geän­dert hat.

Ich habe Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me. Jetzt, im drit­ten Kriegs­mo­nat, beginnt man sich dar­an zu gewöh­nen, aber anfangs war es sehr schwie­rig, nicht an all die Schre­cken zu den­ken, die sich in der Umge­bung abspie­len und dabei Lite­ra­tur zu über­set­zen (iro­ni­scher­wei­se han­del­te das Buch, an dem ich arbei­te­te, vom Leben nach dem Tod). Die über­setz­ten Sät­ze schie­nen schwach und karg, das Gehirn wei­ger­te sich, krea­tiv zu arbei­ten. Der Krieg mach­te sich unter­be­wusst bemerk­bar, obwohl ich mich im All­ge­mei­nen beherr­schen konn­te und ruhig blieb, wäh­rend die meis­ten Men­schen um mich her­um nachts nicht schla­fen konn­ten. Jetzt ist es zumin­dest gefühls­mä­ßig bes­ser, das Den­ken fällt leichter.

Ich erin­ne­re mich oft an eine Kugel, die ich zu Kriegs­be­ginn in Kyjiw zurück­ge­las­sen habe; ich hat­te sie 2012 in Jew­pa­to­ri­ja in einem Anti­qui­tä­ten­ge­schäft gekauft. Laut Ver­käu­fer stammt die Kugel aus dem Krym­krieg . Ange­sichts der Tat­sa­che, dass das Rus­si­sche Reich die­sen Krieg ver­lo­ren hat und kapi­tu­lier­te und die ukrai­ni­schen Kosa­ken an der Sei­te der Alli­ier­ten kämpf­ten, wäre es jetzt ein gutes Zei­chen, wenn ich sie bei mir hätte.

Ich woh­ne bei Freun­den. Ich habe kei­ne Mög­lich­keit, selbst etwas zu mie­ten, und in die­ser Woh­nung hier leben vie­le Men­schen. Ich arbei­te manch­mal am Küchen­tisch, zeit­wei­se im Fau­teuil und im Bett. Jetzt, wo es wär­mer gewor­den ist, set­ze ich mich auf den Bal­kon. Mir fehlt mein eige­ner Schreib­tisch fürch­ter­lich, an dem ich mei­nen Platz habe, auf dem ich Noti­zen able­gen kann, wo ich aus­dru­cken kann, wo das Wör­ter­buch liegt. Wo ich nicht jedes Mal einen neu­en Arbeits­platz auf­bau­en muss.

Ich mache mehr Tipp­feh­ler, manch­mal schrei­be ich auto­ma­tisch die fal­schen Wör­ter, also muss ich lang­sa­mer arbei­ten, um dar­auf zu ach­ten und der­ar­ti­ge Momen­te abzu­fan­gen. Es fällt mir sehr schwer, mich zu kon­zen­trie­ren. Ich habe ADHS und momen­tan das Gefühl, dass alle Fort­schrit­te, die ich in der Ver­gan­gen­heit gemacht habe, um erfolg­reich damit zu leben und zu arbei­ten, den Bach run­ter­ge­gan­gen sind. Ich schrei­be und über­set­ze, das ist mein Leben – und jetzt kann ich bei­des nicht mehr, als wäre jetzt jemand ande­res in mei­nem Kör­per, den ich noch nicht ken­nen­ge­lernt habe. Ich habe mit Freu­de gele­sen, wie die Übersetzer:innen ihre Arbeit wäh­rend der Beset­zung, unter Beschuss, in blo­ckier­ten Städ­ten fort­setz­ten. Und ich füh­le immer eine bren­nen­de Scham, weil ich das in mei­ner rela­ti­ven Sicher­heit nicht tun kann. Gleich­zei­tig über­set­ze ich für die frei­wil­li­gen Helfer:innen münd­lich aus dem Eng­li­schen und ins Eng­li­sche. Das gibt mir Hoff­nung, dass es auch mit dem Schrei­ben mit der Zeit bes­ser wer­den wird.

Dies ist ein Auf­kle­ber auf mei­nem Note­book, den ich letz­ten August im Geschenk­shop des Muse­ums des War­schau­er Auf­stands gekauft habe. Ich den­ke an ihn und schaue ihn an, wenn ich mich dar­an erin­nern möch­te, dass all mein Wis­sen, mei­ne Erin­ne­run­gen und Erfah­run­gen immer noch bei mir sind. (Die Auf­schrift auf dem Auf­kle­ber: Dei­ne ein­zi­ge Waf­fe ist das, was du im Korb hast, der auf dei­ner abge­nutz­ten Wir­bel­säu­le sitzt.)

Kate­ry­na Korniienko

Gene­rell kann ich arbei­ten. Ich habe die Tech­nik, die pas­sen­den Arbeits­be­din­gun­gen, aber aus irgend­ei­nem Grund gelingt mir das Über­set­zen nicht. Wahr­schein­lich, weil mir an mei­nem Haupt­ar­beits­platz viel auf­ge­bür­det wird.

Mein emo­tio­na­ler Zustand wirkt sich natür­lich beson­ders bei der Arbeit mit aus­län­di­schen Jour­na­lis­ten aus, wenn du eine wei­te­re schreck­li­che Geschich­te einer Fami­lie aus Mariu­pol, Cher­son, Regi­on Sapo­rischsch­ja über­setzt … Die Fra­ge nach dem Ver­trau­en in die Spra­che als Gan­zes stell­te sich nicht, aber ich bemerk­te, wie distan­ziert ich die Emo­tio­nen der Ukrai­ner, ihr Mit­leid, ihre Ver­zweif­lung, ihren Schmerz (aus­ge­drückt in Phra­sen und Aus­ru­fen statt in ein­zel­nen Sät­zen) in prä­gnan­te eng­li­sche Phra­sen übersetze.

Mein Arbeits­platz ist ein abs­trak­ter Begriff. Es ist ein Küchen­tisch, es sind mei­ne Knie im Flur wäh­rend eines Luft­alarms und eine Hand­flä­che mit einem Smart­pho­ne. Aber ich habe ein Plüsch-Fer­kel aus Dis­neys Win­nie-the-Pooh, es wärmt mich, inspi­riert mich, beru­higt mich. Mei­ner Mei­nung nach sehr sym­bo­lisch, so ein rein ukrai­ni­sches Tier. Wahr­schein­lich der Co-Autor eini­ger mei­ner Übersetzungen.

Daria Moskvi­ti­na

Ich woh­ne bei mei­ner Fami­lie. Das Note­book ist ein­ge­gan­gen. Jetzt gibt’s nur klei­ne Anfra­gen von Frei­wil­li­gen. Das Wich­tigs­te wur­de für spä­ter verschoben.

Mein all­ge­mei­ner psy­chi­scher Zustand ist unbe­frie­di­gend, daher kom­men alle Pro­ble­me. Ich habe 10 Tage in einem Flücht­lings­la­ger gelebt und füh­le mich zer­bro­chen. Ich sprach mit einem Psy­cho­lo­gen, er sag­te, die­ses Gefühl wer­de mich lan­ge begleiten.

Was mich auf­recht erhält? Eine alte Iko­ne mei­ner ver­stor­be­nen Mutter.

Die Arbeits­be­din­gun­gen haben sich nicht geän­dert, ich bin zu Hau­se und pla­ne der­zeit kei­nen Umzug. Zum Glück liegt mei­ne Stadt in der soge­nann­ten ruhi­gen Zone, wo sich alles auf Flie­ger­alarm beschränkt.

Obwohl ich mich nicht in unmit­tel­ba­rer Nähe der besetz­ten Gebie­te auf­hal­te, hat sich mei­ne Arbeits­fä­hig­keit hal­biert. Es ist schwie­ri­ger, mich zu kon­zen­trie­ren und ich muss mich ein­fach zur Arbeit zwingen.

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Haus­tie­ren (in mei­nem Fall Kat­zen) und mein Hob­by (Sti­cken beim Seri­en­schau­en) machen mir Freu­de und erden mich.

In der ers­ten Zeit, als der Krieg anfing, im Febru­ar und bis Mit­te März, mach­te ich vie­le Über­set­zun­gen als Frei­wil­li­ge, obwohl ich mei­nen Arbeits­platz ver­lo­ren hat­te, weil unse­re Woh­nung über­füllt war (wir haben Ver­wand­te bei uns auf­ge­nom­men). Dann wur­de es ruhi­ger, auch die Ver­wand­ten zogen wie­der aus; mit dem Über­set­zen muss­te ich trotz­dem auf­hö­ren. Ich spür­te eine unüber­wind­ba­re Erschöp­fung. Die erhöh­te Arbeits­mo­ti­va­ti­on in den ers­ten Wochen, das muss ich zuge­ben, war eher dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass ich wie das gan­ze Land so viel wie mög­lich mobi­li­sie­ren woll­te. Etwas Nütz­li­ches tun. Über­haupt etwas tun. Aber ich hielt das nicht lan­ge durch.

Kon­zen­tra­ti­on ist wie eine Achil­les­fer­se. Ich hät­te nicht gedacht, dass sie so lei­den wür­de. Der Man­gel an Ener­gie für Arbeit und Kon­zen­tra­ti­on ist so stark, dass ich eine Zeit lang einen gan­zen Tag (!) für eine Über­set­zung von drei Zei­len brauch­te und mich danach wie von einem Pan­zer über­rollt fühl­te. Die Fähig­keit, effek­tiv zu arbei­ten, ist noch nicht zurück­ge­kehrt. Mit gro­ßem Bedau­ern muss­te ich sogar ein gut bezahl­tes Job­an­ge­bot ableh­nen, was in die­ser Zeit eine Sel­ten­heit ist. Ich hät­te den Zeit­plan von 10 bis 19 Uhr phy­sisch ein­fach nicht aus­ge­hal­ten. Wo ich frü­her mor­gens und abends arbei­ten und bis zu zehn Sei­ten über­set­zen konn­te, kann ich jetzt nur die ein­fachs­ten Arbei­ten erle­di­gen (Comic­über­set­zung, simp­le Loka­li­sie­rung von Spie­len), und das in einem sehr frei­en Zeit­rah­men, weil ich nie weiß, wie viel Kraft ich mor­gen haben wer­de. Schon zwei bis drei Stun­den Arbeit am Tag ver­brau­chen alle Res­sour­cen. Ich füh­re das auf eine star­ke emo­tio­na­le Erschöp­fung vor dem Hin­ter­grund von Nach­rich­ten über Kampf­hand­lun­gen, Hin­rich­tun­gen, Miss­hand­lun­gen, Gewalt gegen unse­re Men­schen zurück. Es ist, als wür­dest du jedes Mal lebend sterben.

Das ist die wei­che Plüsch­mot­te Althea. Es tut gut, sie in den Hän­den zu drü­cken, wenn ich Angst habe. Ich habe mit ihr Flie­ger­alar­me erlebt und sie sogar in mei­nen Not-Ruck­sack gepackt. Sie ist nicht nur weich, son­dern sieht auch recht beein­dru­ckend aus; sie weiß genau, wie man im Krieg den Fein­den und im Frie­den den Pelz­män­teln den Tod bringt.))) Das trägt zum Gefühl der Sicher­heit bei.

Mia Mar­chen­ko

Grund­sätz­lich kann ich arbei­ten. Gene­rell fehlt es mir an nichts, denn ich bin zu Hau­se. Das ein­zi­ge Pro­blem: Ich woh­ne in der Nähe von gleich zwei Mili­tär­ein­rich­tun­gen, beach­te den Luft­alarm und gehe jedes Mal in den Bun­ker. Das lenkt natür­lich ab. Im Ver­gleich zur Zeit vor dem Krieg hat sich alles kom­plett ver­än­dert, denn neue Auf­trä­ge gibt es nicht und wird es wohl auch in nächs­ter Zeit nicht geben. Fer­ti­ge Über­set­zun­gen, die ich bereits abge­lie­fert habe und die bereits lek­to­riert wur­den (es sind 6!), wer­den in naher Zukunft höchst­wahr­schein­lich nicht publi­ziert. Sie hät­ten bereits vor lan­ger Zeit erschei­nen sol­len. Das demo­ti­viert natür­lich. Wie auch die feh­len­de Bezah­lung (Ver­lag in Char­kiw) und die Ver­zö­ge­rung der Bezah­lung (Ver­lag in Kyjiw).

Ich konn­te zunächst über­haupt nicht arbei­ten und ver­schob die Über­set­zung bzw. das Kor­rek­tur­le­sen eines fer­ti­gen Tex­tes um etwa 10 Tage. Ich konn­te nicht an Elfen den­ken, und Arbeit kam auch hin­zu: Ich räum­te mit mei­nen Nach­barn ein paar Tage den Luft­schutz­bun­ker auf, brach­te Ver­trie­be­ne aus Char­kiw bei mir zuhau­se unter und half ande­ren. Die Arbeit als Frei­wil­li­ger Über­set­zer auf ehren­amt­li­cher Basis ret­te­te mich. Jeden Tag über­set­ze ich Nach­rich­ten aus der Ukrai­ne, Unter­ti­tel für Vide­os, Zusam­men­fas­sun­gen oder ver­schie­de­ne Posts für Netz­wer­ke oder Brie­fe an Poli­ti­ker. Ich mache das seit Beginn des Krie­ges (bereits zwei Stun­den nach Kriegs­be­ginn erschien mein Arti­kel über den Krieg in einer bel­gi­schen Zei­tung). Dadurch konn­te ich mich lang­sam wie­der auf die künst­le­ri­sche Über­set­zung ein­las­sen, zu ihr zurück­zu­kom­men. Aber die Pro­duk­ti­vi­tät ist gesun­ken. Frü­her über­setz­te ich 16–20.000 Zei­chen pro Tag. Jetzt sind es 4–6.000. Und über die Qua­li­tät kann ich nichts sagen. Ich habe beschlos­sen, fer­ti­ge Tex­te ein­mal mehr als frü­her durchzulesen.

Ich glau­be nicht, dass eine Sta­tu­et­te oder ein Kreuz hel­fen kön­nen. Ich glau­be an kon­kre­te Taten. 2008 stu­dier­te ich in Grie­chen­land und lern­te eini­ge Geor­gi­er ken­nen. Damals fing gera­de bei ihnen der Krieg an. Ich ver­such­te dann, sie zu unter­stüt­zen, wo ich konn­te. Am fünf­ten Tag unse­res Krie­ges kamen die­se Geor­gi­er zu uns an die Gren­ze und ver­sorg­ten unter­wegs unse­re Frau­en und Kin­der mit Essen. Das ist wirk­lich inspi­rie­rend. Auf mei­nem Schreib­tisch hat sich daher nichts geändert.

Svya­to­s­lav Zubchenko

Es ist schwie­rig, sich auf Pro­sa­tex­te zu kon­zen­trie­ren, aber die Über­set­zung von Gedich­ten wird zu einer Art Impuls. Gera­de in den ers­ten Mona­ten, als ich Gedich­te über den Krieg las, ver­spür­te ich sofort das Bedürf­nis und die Pflicht, sie zu über­set­zen, damit die­se Gedan­ken auch woan­ders gehört wer­den konn­ten. Das funk­tio­nier­te alles auf­grund eines Impul­ses. Oft wird eine sol­che Über­set­zung zur The­ra­pie. Es mag selt­sam klin­gen, aber je trau­ma­ti­scher der Text ist, des­to bes­ser fühlst du dich beim Über­set­zen. Es fühlt sich nah und wich­tig an. Und alles ande­re wird in den Hin­ter­grund gedrängt. Es ist immer noch schwie­rig, zu den lite­ra­ri­schen Auf­trä­gen der Vor­kriegs­zeit zurück­zu­keh­ren, die „nicht vom Krieg han­deln“. Zuerst war nicht klar, wozu es die­se Tex­te über­haupt gibt, jetzt wer­den sie ein­fach weggeschoben.

Auf mei­nem Foto sind Kaf­fee und ein Kalen­der an der Wand. Kaf­fee ist etwas aus einem ver­gan­ge­nen Leben, das dich in die Nor­ma­li­tät zurück­bringt. Solan­ge ich mor­gens zu Hau­se Kaf­fee kochen kann, ist alles in Ord­nung. Und der Kalen­der erin­nert dar­an, dass der Febru­ar vor­bei ist und trotz allem drau­ßen Früh­ling ist.

Tania Rodi­o­no­va


Für die Über­set­zung der Zita­te aus dem Ukrai­ni­schen dan­ken wir Susan­ne Macht. Sämt­li­che Zita­te der Umfra­ge wer­den in naher Zukunft auf der Web­sei­te des Tole­do-Pro­gramms erscheinen.

Das Ende der Nacht

Im Dör­le­mann Ver­lag erscheint mit „Nacht­däm­mern“ von Stein­unn Sigurðar­dót­tir erst­mals islän­di­sche Lyrik in der Über­set­zung von Kris­tof Magnus­son. Eine anpre­chen­de Aus­ga­be, die aller­dings nicht auf … 
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Pathos über­set­zen

Eins steht fest: Pathos hat es schwer in der deutsch­spra­chi­gen Lyrik. Das Pathos­la­bor im Rah­men des Lyri­ker­tref­fens Müns­ter hat die Grün­de dafür näher untersucht. 
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Staubfänger Lucie Faulerová

Staub und Stillstand

Die Haupt­fi­gur in Lucie Fau­ler­ovás „Staub­fän­ger“ erzählt mit Tem­po, Rhyth­mus und Biss. In der deut­schen Über­set­zung erscheint sie stel­len­wei­se gemä­ßig­ter als im Tschechischen. 
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