An guten wie an schlech­ten Tagen

Die amerikanische Übersetzerin Lara Vergnaud beschreibt, wie fordernd das Übersetzen sein kann, wenn man dabei erkrankt. Tobias Eberhard hat ihren Essay ins Deutsche übertragen. Von

Schwindel verzerrt den Blick auf die Welt. Bild: Roma Kaiuk via Unsplash

Über­set­zung: Tobi­as Eber­hard.
Der Text erschien in dem Maga­zin The Paris Review.


Das Über­set­zen ist ein selt­sa­mes Hand­werk. Man muss die Stim­me einer Autorin, eines Autors ein­fan­gen und von einer Spra­che in eine ande­re brin­gen, dabei jedoch so gut wie kei­ne Hin­wei­se dar­auf hin­ter­las­sen, dass die­ses Hin­über­brin­gen jemals statt­ge­fun­den hat. (Die Aus­nah­me­über­set­ze­rin Char­lot­te Man­dell bezeich­net die­se Umwand­lung als „das Glei­che, aber anders.“) Auch wenn einem läs­ti­ge Schreib­blo­cka­den erspart blei­ben, so sieht man sich als Übersetzer*in doch auch der lee­ren Sei­te gegen­über, die gefüllt wer­den möch­te. Dabei besteht die Gefahr, dass man so tief in den Aus­gangs­text ein­taucht, sich so strikt an der Aus­gangs­spra­che ent­lang­han­gelt, dass der Text in der Ziel­spra­che geküns­telt wirkt, sich unge­lenk liest oder, noch schlim­mer, unles­bar wird. Und doch ist die­ses Ein­tau­chen unver­meid­lich, ja sogar erforderlich.

Ver­gleich­bar mit einem Ghost­wri­ter muss die über­set­zen­de Per­son in eine ande­re Haut schlüp­fen. Manch­mal geht die­ser Über­gang sanft von­stat­ten, unauf­fäl­lig, ohne Gegen­wehr. Doch manch­mal geschieht die­ses Ankom­men plötz­lich, laut und sogar auf unan­ge­neh­me Wei­se. Bestimm­te Stra­te­gien, die über die blo­ßen Hand­grif­fe des Über­set­zens hin­aus­ge­hen, erleich­tern mir per­sön­lich das Ein­tau­chen: das Auf­find­bar­ma­chen von Refe­ren­zen, um die kul­tu­rel­len Bezugs­punk­te (Bücher, Fil­me, Musik) der Autorin, des Autors zu rekon­stru­ie­ren; das lau­te Vor­le­sen von Abschnit­ten, erst im Ori­gi­nal, dann in mei­ner Über­set­zung, bis ich hei­ser wer­de; den Text mit mei­nen Fin­gern, mei­ner Nase, mei­nen Augen, mei­nen Ohren spü­ren, um die Hand­lung über mei­ne Sin­ne zum Leben zu erwe­cken; das Auf­sau­gen jedes Hin­wei­ses, der mir dabei hilft, mei­ne Über­set­zung mit der gesam­ten Band­brei­te der Autor*innenstimme (Humor, Wut, Trau­er, Distan­ziert­heit) spre­chen zu lassen.

Der ers­te lite­ra­ri­sche Text, den ich über­setzt habe, – Fran­ce, Sto­ry of a Child­hood – war mein Ein­stieg in das, was ich als immer­si­ves Über­set­zen bezeich­ne. In die­sem auto­bio­gra­fi­schen Roman erzählt die in Alge­ri­en gebo­re­ne Autorin Zahia Rah­ma­ni von ihrer tur­bu­len­ten Kind­heit im länd­li­chen Frank­reich der 1960er Jah­re. Die Erzäh­lung wird immer wie­der von Epi­so­den unter­bro­chen, in denen die Autorin ins Jahr 2005 springt. Zu die­ser Zeit liegt ihre Mut­ter im Ster­ben, und Paris und ande­re fran­zö­si­sche Städ­te ver­sin­ken in Auf­stän­den, die sich auf­grund des vor­herr­schen­den Ras­sis­mus bahn­bre­chen. Der Ton des Buchs ist mal wütend und trau­rig, mal poe­tisch und explo­siv. Als ich Fran­ce zum ers­ten Mal las, leb­te ich eben­dort, in Frank­reich. Ich war allein, weit weg von zuhau­se, und je län­ger ich dort war, des­to bewuss­ter wur­den mir die Sterb­lich­keit mei­ner Eltern und die Gren­zen von Zeit und Ort. Die Berich­te der Mut­ter der Autorin über Alge­ri­en lös­ten in mir Heim­weh nach Tune­si­en, mei­nem nord­afri­ka­ni­schen Hei­mat­land, aus, das auch ich jung ver­las­sen hatte.

Ich ver­brach­te Stun­den mit den tech­ni­schen Aspek­ten der Über­set­zung, bil­de­te Rah­ma­nis naht­lo­se Über­gän­ge zwi­schen Zeit­for­men nach, arbei­te­te die Unter­schie­de zwi­schen Dia­log und inne­rem Mono­log her­aus und gebot der prä­po­si­tio­na­len Ver­wir­rung, die sich oft beim Über­set­zen vom Fran­zö­si­schen ins Eng­li­sche ergibt, Ein­halt. Aber ich woll­te noch tie­fer ein­tau­chen. Genau wie Pierre Men­ard, Bor­ges‘ über­eif­ri­ger Über­set­zer, war ich davon über­zeugt, dass ich eine lite­ra­ri­sche Sym­bio­se erschaf­fen könn­te, wenn ich nur weit genug vor­drang. Ich hör­te mir eine „Zahia“-Playlist mit den Doors und Pat­ti Smith auf Spo­ti­fy an, da die­se Künstler*innen für sie als Jugend­li­che eine wich­ti­ge Rol­le gespielt hat­ten. Ich las sämt­li­che Bücher, die in Fran­ce erwähnt wur­den. Tei­le des Romans sind in Kaby­lisch ver­fasst, einem von der Mut­ter der Erzäh­le­rin gespro­che­nen Ber­ber­dia­lekt, also hör­te ich mir Audio­clips der Spra­che an und zog Sprachexpert*innen zu Rate. Ich sag­te mir den Text ein Dut­zend Mal auf, um sicher­zu­ge­hen, dass der Klang mei­ner Über­set­zung dem des Ori­gi­nals gleichkam.

Ich traf Rah­ma­ni ein Jahr nach­dem ich mit der Über­set­zung ihres Buches begon­nen hat­te. Da stand mir eine Autorin gegen­über – eine impo­san­te, büh­nen­haf­te Frau in einem schwar­zen Kaf­tan – deren intims­ten Momen­te ich nicht nur gele­sen, son­dern regel­recht stu­diert hat­te. Ein ver­such­ter Sui­zid, die ers­te Lie­be und Lust, Trau­er über den Tod eines Eltern­teils. Ich hat­te ihre Spra­che mit­samt allen Emo­tio­nen auf­ge­so­gen, mit einer sol­chen Hin­ga­be und Inten­si­tät, dass es mich beun­ru­hig­te, sie vor mir ste­hen zu sehen. Ich hör­te ihr zu und sag­te nicht viel.

Vor Kur­zem habe ich dann einen Roman über­setzt, der in Marok­ko spielt. The Hos­pi­tal (auf Deutsch Das Kran­ken­haus, über­setzt von Micha­el Klee­berg), im Jahr 1989 vom mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen Autor und Fil­me­ma­cher Ahmed Boua­nani geschrie­ben, spielt in einem Kran­ken­haus, in dem die Patient*innen inmit­ten von Wahn­sinn, Resi­gna­ti­on und Cha­os vor sich hin sie­chen. Sein Zwangs­auf­ent­halt in einem Sana­to­ri­um für Tuber­ku­lo­se­kran­ke dien­te Boua­nani als Inspi­ra­ti­on für die­ses Buch. Als der Erzäh­ler einen Fuß über die Schwel­le des Kran­ken­hau­ses setzt, ver­schwin­det der Ein­gang, und der Erzäh­ler ver­liert jeg­li­ches Gefühl für Raum und Zeit: „Die Luft hier begüns­tigt das Wachs­tum selt­sa­mer Pil­ze in der Ima­gi­na­ti­on. Zu jeder Stun­de bin ich gefan­gen zwi­schen Schwin­del und Fieberwahn.“

Boua­nanis Stim­me hat­te mich sofort gefan­gen genom­men – harsch, zuwei­len krass. Doch schie­nen stets Nost­al­gie und Trau­rig­keit durch sei­ne Respekt­lo­sig­keit hin­durch. Auch wenn sei­ne Art zu schrei­ben direk­ter ist als Rah­ma­nis (kei­ne wech­seln­den Zeit­for­men oder gegen­ein­an­der­lau­fen­den Erzähl­strän­ge, die es auf­zu­lö­sen gilt), war es schwie­ri­ger sei­ne Stim­me anzu­neh­men. Ich muss­te neue sprach­li­che Hür­den über­win­den: Boua­nani hat­te die Vor­lie­be, Rede­wen­dun­gen aus Dar­i­ja, einem marok­ka­ni­schen Dia­lekt, in die fran­zö­si­sche Stan­dard­spra­che ein­flie­ßen zu las­sen. Als ich mit mei­ner Über­set­zung zur Hälf­te fer­tig war – vol­ler Ver­bit­te­rung über mei­nen Voll­zeit­job, der mich von mei­nem Hand­werk abhielt, und frus­triert dar­über, dass ich kei­nen Ver­lag für die­ses ver­rück­te klei­ne Juwel fand – ver­lor ich den Faden. Die Ver­bin­dung war abgerissen.

Wie konn­te ich wie­der in Boua­nanis Uni­ver­sum ein­tau­chen? Ich begann mit ein­fa­chen Din­gen. Das Alpen­veil­chen: Wie genau sieht die­se Blu­me aus? Wie riecht sie? Die fal­schen Erin­ne­run­gen des Erzäh­lers erschwer­ten mei­ne Auf­ga­be – sei­ne Ver­si­on des Alpen­veil­chens basiert auf „ima­gi­nier­ten Erin­ne­run­gen an etwas, das einer Efeu­pflan­ze oder einer Mohn­blu­me oder viel­leicht auch einem Rho­do­den­dron ähnelt“. Ich konn­te Boua­nanis lite­ra­ri­sche Ein­flüs­se her­auf­be­schwö­ren, Bor­ges, Buz­za­ti, Cen­drars, doch sei­ne Fil­mo­gra­phie war für mich schwe­rer zugäng­lich. Und dann – iro­ni­scher­wei­se, in Anbe­tracht des Sub­tex­tes von The Hos­pi­tal – wur­de ich krank. Ich litt an einer Viel­zahl von Sym­pto­men, aus­ge­löst von einer Erkran­kung, die erst nach Mona­ten dia­gnos­ti­ziert wur­de und deren Hei­lung noch län­ger dau­er­te: Ich litt an Schwindelanfällen.

Eben­so wie der anony­me Erzäh­ler von Das Kran­ken­haus schwank­te ich zuwei­len „wie ein betrun­ke­nes Boot“, irr­te umher, wäh­rend die Gren­zen zwi­schen oben und unten, links und rechts vor mei­nen Augen ver­schwam­men. Mir war stän­dig schwin­de­lig, egal ob ich saß oder stand, oft fiel ich sogar hin. Manch­mal wur­de der Schwin­del so schlimm, dass ich mich eine Minu­te lang, oder fünf, oder drei­ßig, in mei­nem Arbeits­zim­mer auf den Boden leg­te. Flach auf dem Rücken lie­gend dach­te ich an Boua­nanis Erzäh­ler, vor Schwin­del und Wahn an sein Kran­ken­haus­bett gefes­selt, wäh­rend in sei­nem Hirn die Pil­ze spros­sen; wie er über dem Bett schwebt und auf sei­nen Kör­per hin­ab­blickt. Als ich schließ­lich nicht mehr ohne Unter­stüt­zung lau­fen konn­te, begab ich mich ins Krankenhaus.

Wobei zwi­schen mei­nem und Boua­nanis Kran­ken­haus natür­lich Wel­ten lagen. Mei­nes ver­füg­te zum Bei­spiel über ein­deu­tig gekenn­zeich­ne­te Aus­gän­ge. Ich war frei­wil­lig hier und konn­te das Kran­ken­haus jeder­zeit wie­der ver­las­sen. Doch inmit­ten der unab­läs­si­gen Kran­ken­haus­ge­räu­sche, der Lan­ge­wei­le und Angst, mit der boh­ren­den Infu­si­on in mei­nem Arm, muss­te ich unwill­kür­lich an Boua­nani den­ken, ein­ge­sperrt in der mys­te­riö­sen Ein­rich­tung, in der er die „mör­de­ri­sche Kran­ken­haus­luft“ atme­te, wäh­rend er an sei­nen nicht dia­gnos­ti­zier­ten Krank­hei­ten und unter der unzu­rei­chen­den Pfle­ge vor sich hin litt.

Ich hat­te mehr Glück als die Patient*innen in Boua­nanis Kran­ken­haus: Mein Auf­ent­halt war kurz und mei­ne Gene­sung unkom­pli­ziert. Mir ging es schnell wie­der bes­ser, also been­de­te ich mei­ne Über­set­zung und fand mit New Direc­tions einen Ver­lag, der Inter­es­se dar­an hat­te. Mei­ne mona­te­lan­ge kör­per­li­che Ver­schlech­te­rung war uner­war­tet und uner­wünscht, doch hat mich die­se Erfah­rung einem Autor näher­ge­bracht, der hin­sicht­lich sei­nes Alters, sei­nes Geschlechts, sei­ner Lebens­si­tua­ti­on und sei­ner Zeit so weit von mir ent­fernt gewe­sen ist. Die schie­re Kör­per­lich­keit die­ser Erfah­rung – ein zwang­haf­tes Bewusst­sein, wel­che Posi­ti­on ich inner­halb des Rau­mes ein­nahm – lenk­te mich von den lin­gu­is­ti­schen Sor­gen­kin­dern (wie etwa Spra­che, Satz­bau, Wort­wahl) ab, die eine gute Über­set­zung einer­seits aus­ma­chen, ihr ande­rer­seits aber auch im Wege ste­hen kön­nen. Statt­des­sen exis­tier­te ich an Boua­nanis Sei­te, wobei mei­ne eige­nen leb­haf­ten Emp­fin­dun­gen die Art und Wei­se beein­fluss­ten, wie ich sei­ne Wor­te über­setz­te. Ich fra­ge mich, wie ich mei­ne Über­set­zung in fünf oder zehn Jah­ren emp­fin­den wer­de. Wird mei­ne eige­ne Erfah­rung durch­schei­nen? Habe ich, trotz mei­ner akri­bi­schen Über­ar­bei­tung, einen Teil von mir selbst auf den Sei­ten hin­ter­las­sen? (Und wenn dem so ist, wäre das wirk­lich so schlimm?)

Und noch mal: Das Über­set­zen ist ein selt­sa­mes Hand­werk. Die über­set­zen­de Per­son ist zugleich über­all sicht­bar und unsicht­bar. Die über­set­zen­de Per­son greift auf das Leben und die Erin­ne­run­gen einer Figur, egal ob fik­tio­nal oder real, zu – ein all­um­fas­sen­der Akt, um die in einer Spra­che her­auf­be­schwo­re­nen Emp­fin­dun­gen in einer ande­ren nach­zu­bil­den. Stun­den­lan­ges Lesen, Recher­chie­ren, Ana­ly­sie­ren und Über­set­zen kön­nen dafür sor­gen, dass eine tröst­li­che und zugleich trü­ge­ri­sche Ver­bin­dung ent­steht. Hin und wie­der kommt mir plötz­lich ein Wort oder ein Satz aus den Büchern von Rah­ma­ni oder Boua­nani in den Sinn. Ich brau­che einen Moment, um sie zuzu­ord­nen und gedank­lich bei­sei­te zu legen, weil es nicht mei­ne eige­nen sind.

Ich über­set­ze gera­de wie­der einen Roman, der sich in der Welt der Medi­zin bewegt. Er han­delt von einer jun­gen Frau, die an einer mys­te­riö­sen Krank­heit lei­det, durch die sie uner­träg­li­che Schmer­zen erfährt, immer wenn etwas oder jemand ihre Arme berührt. Das Buch dreht sich um ihre Suche nach einer Dia­gno­se und der ent­spre­chen­den Hei­lung. Hof­fent­lich gestal­tet sich das Über­set­zen trotz Ein­tau­chen in den Text für mich die­ses Mal etwas sanfter.


Die Qatar National Library, ein Tempel der Literatur in Katar. Foto von Trevor Patt (flickr.com)

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