Über das Über­set­zen von Mangas

Das Genre Manga hält für Übersetzer:innen viele Tücken bereit. Und auch der Weg zum Manga übersetzen ist oft steinig. Ein Erfahrungsbericht Von

Mangas über Katzen
Katzenmangas in einem Laden in Japan, (c) Cheyenne Dreißigacker

Das Über­set­zen von gra­phi­schen Medi­en, ins­be­son­de­re von Man­ga, ist mehr als das neue Befül­len von Sprech­bla­sen. Und auch der Weg zum Man­ga­über­set­zen steckt vol­ler Hür­den. Es spie­len vie­le Fak­to­ren eine Rol­le, die zu einem ers­ten Auf­trag füh­ren. Auf eini­ges kann man sich vor­be­rei­ten, um eine gute Aus­gangs­la­ge zu schaf­fen, ande­res ist bran­chen­ab­hän­gig und liegt nicht in der Hand eines Ein­zel­nen. Gera­de als Neu­ling in der Bran­che muss man sich neben den Sprach­kennt­nis­sen viel Know-How aneignen.

Zah­len und Fak­ten zum Man­ga-Boom in Deutschland

Laut dem Bör­sen­ver­ein des deut­schen Buch­han­dels gab es 2021 unter den 71.640 Neu­erschei­nun­gen 8.703 über­setz­te Titel. Das heißt, jedes 10. Buch war eine Über­set­zung. Spit­zen­rei­ter sind natür­lich die Kolleg:innen mit Über­set­zun­gen aus dem eng­li­schen Sprach­raum. Nun könn­te man ver­mu­ten, es folg­ten Spra­chen der deut­schen Nach­bar­län­der. Dem ist auch so, mit einer Aus­nah­me: Japa­nisch liegt mit 10,8 % an über­setz­ten Titeln auf Platz 2. Knapp vor Fran­zö­sisch! (Fun Fact: In Frank­reich exis­tiert eben­falls ein sehr gro­ßer Markt für Über­set­zun­gen aus dem Japanischen.)

Die­ser ver­dien­te zwei­te Platz der mei­st­über­setz­ten Spra­chen in Deutsch­land spie­gelt einen par­al­lel ver­lau­fen­den Trend wider: Den Man­ga- und Ani­me-Boom, der seit den 1990er Jah­ren immer wie­der in Wel­len zusam­men mit dem Japan-Boom rüber nach Deutsch­land schwappt. Das Kul­tur­gut Man­ga ist die japa­ni­sche Ver­si­on eines schwarz-wei­ßen in „Lus­ti­ger Taschenbuch“-Manier gebun­de­nen „Comics“, der von hin­ten nach vor­ne gele­sen wird. 2021 wur­den mehr als 1.000 Man­ga­b­än­de quer durch die Ver­lags­land­schaft hin­weg auf den Markt gebracht. Die 1.000 Bän­de umfas­sen alle Gen­res von Romance, Sli­ce of Life, Coming of Age über Action, Mys­tery, Thril­ler, Hor­ror und LGBTQ+, all die­se The­men und Lebens­be­rei­che wer­den von Man­ga abgebildet.

Der Ein­stieg in die Bran­che als Mangaübersetzer:in 

Von solch einer kom­ple­xen und aus euro­päi­scher Per­spek­ti­ve fer­nen Spra­che erwar­tet man das nicht unbe­dingt, aber seit Jah­ren, wenn nicht schon seit Jahr­zehn­ten, ler­nen unglaub­lich vie­le Men­schen Japa­nisch. Vie­le davon pro­bie­ren sich im Über­set­zen aus. So wie ich vor ein paar Jah­ren. Daher ist es bei Man­gaver­la­gen gang und gäbe, dass die Über­set­zen­den zunächst eine Pro­be­über­set­zung anfer­ti­gen müs­sen, um unter den Japan­fans die ehren­wer­ten Hobbylerner:innen (wir haben wohl alle so ange­fan­gen, oder?) von poten­zi­el­len Übersetzer:innen unter­schei­den zu kön­nen. Je nach Ergeb­nis der Pro­be wird man in den bestehen­den Pool der Übersetzer:innen auf­ge­nom­men. Wenn man Vollzeit-Mangaübersetzer:in wer­den möch­te, soll­te man also einen lan­gen Atem besit­zen. Ers­tens gibt es die Stammübersetzer:innen der Ver­la­ge: Die ver­läss­li­chen Vete­ra­nen. Zwei­tens bekom­men die Ver­la­ge oft Zulauf durch eben die­sen Boom und das Mana­gen von neu­en Frei­be­ruf­lern hat nicht immer obers­te Prio­ri­tät im all­täg­li­chen Ver­lags­tru­bel. Bis eine Chan­ce auf eine Pro­be­über­set­zung zustan­de kommt, kann es daher etwas dau­ern, je nach Sai­son und eige­nem Geschick – sprich Port­fo­lio und Lebenslauf.

Boo­kOff – Second­Hand Buch­la­den in Japan

Sich selbst treu blei­ben und sich ein­fach trauen!

Ich hat­te schon im Stu­di­um der Japa­no­lo­gie in Frank­furt und Tokyo Berüh­rungs­punk­te zum Über­set­zen, arbei­te­te aber an Ver­öf­fent­li­chun­gen auf redak­tio­nel­ler Sei­te und muss­te dadurch mei­ne Lie­be zu Man­ga immer etwas hin­ten anstel­len. Lie­ber pro­fes­sio­nel­ler im Busi­ness­kon­text auf­tre­ten, so lau­te­te mei­ne Devi­se als Neu­ling. Über sein Lieb­lings-OTP (one true pai­ring) kann man sich auch nach der ers­ten Manu­skript­ab­ga­be oder auf der nächs­ten Ani­me- und Man­gam­es­se unter­hal­ten. So lei­te­te ich alles in die Wege, um die frei­be­ruf­li­che Arbeit auf­zu­neh­men, erstell­te mei­ne Web­site als Anlauf­stel­le und Online­port­fo­lio als Aus­hän­ge­schild. Dann begann die Akqui­se. Mitt­ler­wei­le traue ich mich zu sagen, was ich selbst gern lese, oder wor­in ich im Man­ga- oder Japan­be­reich viel Erfah­run­gen habe. Was frü­her in der Schu­le und vor der Selbst­stän­dig­keit eher nega­tiv oder gar pein­lich auf­ge­fal­len ist, ist nun ein Vor­teil. Frü­her war man die mit dem komi­schen Musik­ge­schmack (J‑Rock/Visual Kei) oder die, die alle Poké­mon auf­sa­gen konn­te. Heut­zu­ta­ge ist mein ange­rei­cher­ter Wis­sens­fun­dus zu einer Stär­ke gewor­den. Ich erken­ne Refe­ren­zen inner­halb des Medi­ums und kann ganz ande­re Ver­knüp­fun­gen zwi­schen Wer­ken und Man­ga­ka herstellen. 

Das Stu­di­um und die Arbeit als Über­set­ze­rin hat gehol­fen, die­se Stär­ken her­aus­zu­ar­bei­ten und zu ver­knüp­fen. Daher ein Tipp: Es ist sinn­voll, her­aus­zu­fin­den, wo die eige­nen Stär­ken und Inter­es­sen lie­gen und sich dar­auf zu kon­zen­trie­ren. Denn so wird die Arbeit ein­fa­cher und am Ende auch ren­ta­bler. Außer­dem ist es bes­ser, sich authen­tisch zu geben und zu den eige­nen Inter­es­sen zu ste­hen. Offen zu sagen: Ich kann gut Boys Love über­set­zen oder ich habe viel Hin­ter­grund­wis­sen zum The­ma der Mensch-Tier-Bezie­hun­gen und Kat­zen in Japan in mei­nem Fall. Es ist näm­lich gefähr­lich, als Neu­ling zu allem Ja und Amen zu sagen. Man muss die Balan­ce zwi­schen Gene­ra­list und Spe­zia­list für sich fin­den und immer wie­der neu aus­lo­ten. Gera­de in einem so wei­ten Feld an Gen­res und The­men wie in der Manga­land­schaft.

Man­ga­re­gal Animate

Man ist nicht allei­ne in der Branche

Sind die­se Hür­den geschafft, muss eine ent­spre­chen­de Lizenz beim Ver­lag ver­füg­bar bzw. noch ohne fest­ge­leg­ten Über­set­zer sein, also ein Platz im nächs­ten oder eher über­nächs­ten Ver­lags­pro­gramm frei sein. Etwas, was man einem Neu­ling zutraut. Etwas, das nicht zu viel Recher­che benö­tigt, wofür man aber den­noch jeman­den mit guten Japa­nisch­kennt­nis­sen und noch bes­se­ren Deutsch­kennt­nis­sen braucht. Für die­se Erst­lings­über­set­zun­gen wer­den ger­ne soge­nann­te „One Shots“, also Ein­zel­bän­de, oder Kurz­rei­hen, von den Ver­la­gen aus­ge­wählt. An solch einem Auf­trag lässt sich fest­stel­len, ob eine zukünf­ti­ge Zusam­men­ar­beit gelingt, ohne gegen­sei­tig län­ge­re Ver­pflich­tun­gen ein­zu­ge­hen. Das möch­te ich an die­ser Stel­le beson­ders beto­nen, denn auch als Neu­ling in der Bran­che soll­te man weder als Bitt­stel­ler noch als Rie­sen­fan auf­tre­ten. Man ist von der ers­ten Sekun­de an Übersetzer:in, Freiberufler:in – ein:e Dienstleister:in. Oft beginnt man die­sen Beruf aus Lie­be zum Medi­um und zur Spra­che. Sei es Man­ga, Lite­ra­tur, Ani­ma­ti­on, Film oder Video­spie­le. Doch die­se rosa­ro­te Bril­le soll­te man sich abtrai­nie­ren und nur für das pri­va­te Ver­gnü­gen wie­der auf­set­zen. Man tappt gera­de am Anfang schnell in die Fal­le „alles für sein Traum­pro­jekt zu geben“. So lässt man sich schnell aus­beu­ten, damit man end­lich was im Port­fo­lio ste­hen hat und dann bei ande­ren Bewer­bun­gen etwas vor­wei­sen kann. Doch die eige­ne Zeit und Fähig­keit soll­te immer ent­spre­chend hono­riert werden!

Was braucht man nun zum Man­ga­über­set­zen und wie funk­tio­niert das?

„Nur“ sehr gut Japa­nisch zu kön­nen, reicht im Bereich des Über­set­zens von pop­kul­tu­rel­len Medi­en bei Wei­tem nicht aus. Das ist lei­der ein weit­ver­brei­te­ter Trug­schluss unter Japan­fans. Man kon­zen­triert sich jah­re­lang auf den Erwerb der Kan­ji, Kul­tur, Rede­wen­dun­gen und des Fach­vo­ka­bu­lars, aber das alles ist nur ein Bau­stein der beruf­li­chen Wirk­lich­keit. Die eige­nen Deutsch­kennt­nis­se müs­sen sit­zen und soll­ten akku­rat und jeder­zeit abruf­be­reit sein. Es ist von nun an die eige­ne Arbeits­spra­che. Gera­de bei einem Medi­um wie Man­ga, des­sen Ziel­grup­pe 10 bis 20-jäh­ri­ge sind, ist die all­seits ange­prie­se­ne und ver­meint­lich genutz­te Jugend­spra­che eben­falls ein Muss. Aber alles trotz­dem bit­te Duden- und DWDS- kon­form, wo kämen wir denn sonst hin?!

Die Vor­ar­beit und Rah­men­be­din­gun­gen sind nun geklärt. Jetzt liegt der japa­ni­sche Band oder das eBook vor einem auf dem Schreib­tisch. Und nun?

Bevor es an den Text in und außer­halb der Sprech­bla­sen im Man­ga geht, muss die­ser noch mit Rot­stift mas­sa­kriert wer­den. Sor­ry, num­me­riert natür­lich. Das mache ich am Tablet. Die­ser Schritt in der Man­ga­über­set­zung ist auch ein exzel­len­tes Bei­spiel für den sich in der Schwe­be befind­li­chen Zustand der Man­ga­b­ran­che. Einer­seits Rekord­ver­käu­fe und immer mehr Lizen­zen, die den deut­schen Markt erwei­tern. Ande­rer­seits ver­al­te­te Gui­de­lines, dass man den hän­disch num­me­rier­ten Band bit­te wie­der auf dem Post­weg an den Ver­lag zurück­schi­cken soll. In Zei­ten von PDF-Druck­da­ten und papier­lo­sen Arbeits­plät­zen wür­de ich mir in die­sen Berei­chen auch eine ein­heit­li­che Digi­ta­li­sie­rungs­stra­te­gie wünschen. 

Jeder Ver­lag ist auf die eine oder ande­re Art his­to­risch mit dem Man­ga-Boom gewach­sen und bis zu unter­schied­li­chen Ebe­nen mit der Zeit gegan­gen. Auf die­sem Weg gab es anschei­nend für den Bereich der Man­ga­her­stel­lung kei­nen gemein­sa­men Kon­sens unter den Ver­la­gen. Jeder kocht sein eige­nes Süpp­chen und das ist am Anfang sehr ver­wir­rend. Jeder Ver­lag tritt mit eige­nen Gui­de­lines, Sei­ten­for­ma­tie­run­gen und Fuß­no­ten­re­ge­lun­gen an uns Übersetzer:innen her­an. In sol­chen Gui­de­lines steht zum Bei­spiel, ob das Wort „oden“ über­setzt wird, oder ob eine *-Fuß­no­te gesetzt wer­den soll, in der erklärt wird, was das ist. (Bei dem Begriff han­delt es sich um einen japa­ni­schen Ein­topf der über­wie­gend in der Win­ter­zeit zube­rei­tet wird.) Das Gui­de­line-Doku­ment ist daher immer griff­be­reit für die //bold italic// rich­ti­ge Let­te­ring­an­wei­sung. Mangaübersetzer:innen mar­kie­ren näm­lich in der Regel auch, an wel­chen Stel­len der Text fett, kur­siv oder in sons­ti­ger Wei­se for­ma­tiert wer­den muss. 

Die­se Anwei­sun­gen sind wie­der­um situa­ti­ons­ab­hän­gig. Erin­nert sich ein Cha­rak­ter an etwas? Ist es ein inne­rer Mono­log? Ein unbe­kann­ter Erzäh­ler? Ein Sound­wort oder doch ein Kom­men­tar außer­halb der Sprech­bla­se? Die­se For­ma­tie­rungs­ar­beit unter­bricht den eige­nen Work­flow öfter als man viel­leicht den­ken wür­de. Gera­de, wenn man meh­re­re Man­ga­pro­jek­te bei ver­schie­de­nen Ver­la­gen hat und dem­entspre­chend ver­schie­de­nen Gui­de­lines befol­gen muss. Aller­dings wird man zur par­al­le­len Arbeit an meh­re­ren Pro­jek­ten gezwun­gen, um genü­gend Ein­nah­men zu gene­rie­ren. Es erscheint para­dox, denn wir haben ein Rekord­hoch an Auf­la­gen und Neu­erschei­nun­gen. Den­noch ste­hen die, die an vor­ders­ter Front am Text arbei­ten, am Ende der Nah­rungs­ket­te in die­sem Seg­ment des Buchmarktes.

In der Regel erschei­nen Man­ga neun bis zwölf Mona­te nach dem japa­ni­schen Ori­gi­nal. In Deutsch­land erschei­nen mehr­bän­di­ge Rei­hen im zwei- oder drei­mo­na­ti­gen Rhyth­mus. In Aus­nah­me­fäl­len auch nur halb­jähr­lich. Das heißt, man arbei­tet als Übersetzer:in zwi­schen den Manu­skript­ab­ga­ben eben­falls in die­sem Rhyth­mus. Die Ver­la­ge und Redakteur:innen, mit denen ich bis­her arbei­ten durf­te, waren sehr dar­auf bedacht, den Übersetzer:innen das Mate­ri­al früh­zei­tig und mit genü­gend Vor­lauf zur Ver­fü­gung zu stellen.

Hat man die letz­te Sprech­bla­se und Dan­kes­wor­te des Man­ga­ka zu Papier gebracht, beginnt natür­lich noch der eige­ne Kor­rek­tur­durch­gang. Bei ca. 150–200 Sei­ten pro Man­ga mit im Schnitt 5–25 Text­fel­dern pro Sei­te kann einem näm­lich auch mal ein Sound­wort oder eine Sprech­bla­se durch­rut­schen. Ich ver­su­che mir auch kniff­li­ge Stel­len für die­sen Durch­gang auf­zu­he­ben. Dann hat man einen Gesamt­ein­druck vom Band, der Sto­ry und den Cha­rak­te­ren und eine kryp­ti­sche For­mu­lie­rung zu Anfang kann plötz­lich Sinn erge­ben. Ist man zufrie­den oder die Dead­line naht (eher Letz­te­res) wird das Manu­skript an den Ver­lag zurück­ge­schickt und in die Hän­de fähi­ger Lektor:innen (oft auch mit Japa­nisch­kennt­nis­sen) und Redakteur:innen über­ge­ben. Falls kei­ne grö­ße­ren Logik­fra­gen oder schwie­ri­gen Pas­sa­gen auf­tau­chen, erhält man teil­wei­se vor dem Druck noch eine Kor­rek­tur­fah­ne zur letz­ten Durch­sicht. Meis­tens befin­det man sich dann schon im nächs­ten Pro­jekt und ist über­rascht, sobald das eige­ne Beleg­ex­em­plar eintrudelt.

Die grund­sätz­li­che freund­li­che und gute Zusam­men­ar­beit mit den Ver­la­gen ändert lei­der jedoch nichts an der über­wie­gend nied­ri­gen Ent­loh­nung für die­se auf­wän­di­ge Tätig­keit, in der nicht nur trans­la­to­ri­sches, tech­ni­sches und kul­tu­rel­les Know How gefragt ist. Wah­re Hirn­akro­ba­tik unter Zeit­druck fin­det an den Schreib­ti­schen statt. So fal­len oft die medi­en- und gen­re­spe­zi­fi­schen Fak­to­ren in der Bezah­lung unter den Tisch. Vor allem, da nicht alle Man­gaver­la­ge mit der emp­foh­le­nen Norm­sei­te arbei­ten. Ein paar Stich­wor­te für Auf­ga­ben, die neben dem rei­nen Über­set­zen bei Man­ga anfal­len: Num­me­rie­rung des Ban­des, Let­te­ring­an­wei­sun­gen, Sound­wor­te, Recher­che, Glos­sar erstel­len, Über­set­zen gra­phi­scher Ein­hei­ten, Sprech­bla­sen­grö­ße beach­ten, Nach­wor­te, Kor­rek­tur­fah­nen, vor­aus­le­sen der nächs­ten Bän­de, um Miss­ver­ständ­nis­se und kul­tu­rel­le Fall­stri­cke zu ver­mei­den etc.

Wie sieht das alles denn kon­kret aus?


Hier sieht man einen Panel­aus­zug einer Man­gasei­te. Es han­delt sich um zwei Body­guards und der eine klärt den ande­ren über eine gewis­se „Lis­te“ mit poten­zi­el­len Gefah­ren für ihren Schütz­ling auf . Wir haben hier eine Stel­le, in der sehr viel auf engem Raum pas­siert. Zwei Sprech­bla­sen, eine zacki­ge Sprech­bla­se aus der Erin­ne­rung des blon­den Cha­rak­ters und ein Kom­men­tar über der lin­ken Sprech­bla­se. Die­ser Kom­men­tar ver­eint vier Schrift­sys­te­me. Kan­ji (die kom­ple­xen Schrift­zei­chen), Hira­ga­na (zei­gen Par­ti­kel und Gram­ma­tik­struk­tu­ren an), Kataka­na (wer­den für die Aus­spra­che aus­län­di­scher Begrif­fe, hier „A – list“, ver­wen­det) und das Alpha­bet. Das wird im Japa­ni­schen als Stil­mit­tel und zur Beto­nung genutzt, da es für die japa­ni­schen Leser:innen hipp, cool und anders im Schrift­bild wirkt. Hin­zu kommt, dass es sich um einen Wort­witz han­delt. Im Japa­ni­schen ste­hen die Kan­ji für ein „Warnung/Achtung“-Schild. Dann fol­gen die eng­li­schen Begrif­fe, die durch japa­ni­sche Schrift­zei­chen in eine japa­ni­sche Satz­struk­tur gebracht wer­den. Und die Beto­nung liegt die gan­ze Zeit auf dem „A“ im Eng­li­schen, wel­ches eben­falls in der rech­ten Sprech­bla­se zu fin­den ist. Daher wur­de dar­auf in der deut­schen Über­set­zung der Fokus gelegt. Und der Witz auf die Sprech­bla­se, denn eine „A‑Liste“ kann im ers­ten Moment natür­lich auch eine ganz ande­re Lis­te sein.


Hier sieht man eine Bei­spiel­sei­te, wie die Num­me­rie­rung einer Man­gasei­te aus­se­hen kann. Von oben rechts nach unten links wer­den alle Bla­sen, Kom­men­ta­re und Sound­wör­ter durch­num­me­riert. Auf die­ser Sei­te befin­den sich vie­le ver­schie­de­ne Schrift­ar­ten, also auch jede Men­ge Let­te­ring­an­wei­sun­gen, die wir Über­set­zer ange­ben müs­sen. Von einem Erzäh­ler­font, einer Erin­ne­rungs­font, Kom­men­tar­font, Sound­word­font und tech­ni­schen Font für das Gesag­te aus der Gegensprechanlage.

Ist Man­ga über­set­zen den Auf­wand wert? – Ja!

Gera­de in der Anfangs­pha­se sind die Hür­den und finan­zi­el­len Belas­tun­gen für Neu­lin­ge aus den genann­ten Grün­den mei­ner Mei­nung nach ziem­lich hoch. Das möch­te ich nicht schön reden oder jeman­dem ein fal­sches Bild ver­mit­teln. Den­noch bin ich sehr froh, den Sprung ins kal­te Was­ser fern­ab einer Fest­an­stel­lung gewagt zu haben. Man lernt viel über sich und sei­ne Gren­zen, sei­ne Stär­ken und sei­ne Schwä­chen, so wie ich es in kei­nem Job zuvor erfah­ren habe. Ich kann mich mit dem Land und der Spra­che mei­nes Inter­es­ses aus­ein­an­der­set­zen und den Geschich­ten sowie Cha­rak­te­ren aus Japan eine deut­sche Stim­me verleihen.

All dies trös­tet natür­lich nicht über die gerin­ge Hono­rie­rung und das hohe Arbeits­pen­sum in der Bran­che hin­weg. Schließ­lich fußt jede wei­te­re Bear­bei­tung auf dem Aus­gangs­text der Übersetzer:innen. Ein posi­ti­ves Bei­spiel ist hier das Man­ga-Label „Haya­busa“ von Carlsen Man­ga. Dort wer­den Übersetzer:innen mitt­ler­wei­le auf der ers­ten Sei­te und im Impres­sum genannt. Mit Bewe­gun­gen wie #name­the­trans­la­tor, die­ser Platt­form Tralalit, der Sen­si­bi­li­sie­rung für „klei­ne Spra­chen“, gemein­sa­me Über­set­zungs­an­for­de­run­gen usw. kann eine Dis­kus­si­ons­grund­la­ge geschaf­fen wer­den. Damit wir alle das machen kön­nen was wir lie­ben: über Gren­zen hin­weg Ver­bin­dun­gen schaf­fen und Wel­ten durch Spra­che eröffnen.

Dan­ke an die­ser Stel­le an mei­ne Vor­bil­der des Über­set­zens aus dem Japa­ni­schen und mitt­ler­wei­le lie­ben Kolleg:innen Dr. Vere­na Maser, Miryll Ihrens und Ursu­la Grä­fe. Das ist näm­lich das Schö­ne in der Bran­che: Man ist nicht allei­ne und steht sich mit Rat und Tat zur Seite.


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2 Comments

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  1. 1
    Karsten Brabänder

    Der Arti­kel ist super.
    Ich habe Archäo­lo­gie und Geschich­te Japans stu­diert und arbei­te seit 2012 als Über­set­zer für Japa­nisch und Viet­na­me­sisch nach Deutsch. Man­ga­über­set­zun­gen inter­es­sie­ren mich schon. Ich habe frü­her ger­ne die­se Geschichts­man­ga gele­sen (eigent­lich mag ich die auch heu­te noch).

    Aber, gibt es Tipps für Ver­la­ge, an die ich mich wen­den kann, um da ein­zu­stei­gen? Ich habe schon japa­ni­sche Lite­ra­tur über­setzt, dar­an hapert es also nicht. Ste­he auch Pro­be­über­set­zun­gen posi­tiv gegen­über. Ich wäre vor allem an Ver­la­gen inter­es­siert, die New­co­mer akzep­tie­ren. Vie­len Dank.

  2. 2
    Carolin

    Vie­len Dank! Für den Blog­ar­ti­kel eines Kun­den habe ich mich heu­te das ers­te Mal mit Man­ga­über­set­zung beschäf­tigt und konn­te hier vie­le hilf­rei­che Hin­wei­se fin­den. Vie­le der Her­aus­for­de­run­gen ken­ne ich aus der Über­set­zung aus ande­ren Spra­chen so nicht – die Kom­bi­na­ti­on aus Bild und Schrift sowie die ver­schie­de­nen Schrift­sys­te­me sind da wohl wirk­lich einzigartig.
    Herz­li­che Grüße
    Carolin

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