Was kön­nen wir je über ande­re wissen?

Zadie Smith gilt als meisterhafte Darstellerin der Gegenwart. Nun reist sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Tanja Handels ins 19. Jahrhundert, wo sie ihrem modernen Schreibstil treu bleibt. Von und

Hintergrundbild: Jen Theodore.

11 Jah­re lang soll die bri­ti­sche Star­au­torin Zadie Smith an ihrem ers­ten his­to­ri­schen Roman geses­sen haben. Von ihrem Lei­dens­weg bzw. Schaf­fens­pro­zess berich­tet sie immer wie­der in Inter­views und Essays. Und von den Fra­gen, die sie umtrei­ben: Wie sich lösen von den gro­ßen Autor:innen ihrer Jugend, die alle­samt im 19. Jahr­hun­dert leb­ten, also in dem Set­ting ihres Romans? Wie die Fül­le an Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten, die unwei­ger­lich mit einer inten­si­ven Recher­che ein­her­ge­hen? Und wie ist es in his­to­ri­schen Roma­nen um das Ver­hält­nis von Wahr­heit und Fik­ti­on bestellt?

Vor Kur­zem ist nun das Resul­tat des jah­re­lan­gen Ackerns erschie­nen: Betrug (im eng­li­schen The Fraud) ist Smit­hs sechs­ter Roman und Tan­ja Han­dels drit­ter Roman, den sie von der Autorin ins Deut­sche gebracht hat. Neben Zadie Smith über­setzt Han­dels noch Autorin­nen wie Ber­na­di­ne Eva­ris­to, Nico­le Flat­tery und Toni Mor­ri­son. Im März erzähl­te die Über­set­ze­rin im Inter­view von ihrer Arbeit an Smit­hs neu­es­tem Werk. 

Dreh- und Angel­punkt des Romans ist Eli­za Tou­ch­et. Sie ist die ver­wit­we­te Cou­si­ne des Schrift­stel­lers Wil­liam Har­ri­son Ains­worth, des­sen Werk in Ver­ges­sen­heit geriet, obgleich er zu Leb­zei­ten durch­aus eini­ge Erfol­ge ver­bu­chen konn­te. Eli­za Tou­ch­et fris­te­te ein Schat­ten­da­sein, das Zadie Smith mit Leben füllt. In Betrug küm­mert sie sich um Ains­wort­hs Ehe­frau und Kin­der, lek­to­riert sei­ne Roma­ne und unter­hält sei­ne illus­tren Gäs­te. Eine Lie­bes­af­fä­re ist da nahe­lie­gend; Smith baut sie zu einem Drei­eck aus.

Gemein­sam mit Ains­wort­hs zwei­ter Ehe­frau ver­folgt Eli­za Tou­ch­et den legen­dä­ren Tich­bor­ne-Fall, der die vik­to­ria­ni­sche Gesell­schaft in den 1860er Jah­ren in Atem hielt. Roger Tich­bor­ne war Erbe einer wohl­ha­ben­den, adli­gen Fami­lie und kam im Alter von 25 Jah­ren bei einem Schiffs­un­glück auf dem Weg nach Süd­ame­ri­ka ums Leben. Eini­ge Jah­re spä­ter gab sich ein Metz­ger namens Arthur Orton als der ver­miss­te Roger Tich­bor­ne aus und reis­te nach Groß­bri­tan­ni­en, wo er Tich­bor­nes Mut­ter noch auf dem Ster­be­bett über­zeu­gen konn­te, ihren ver­lo­re­nen Sohn vor sich zu haben. Der Erb­streit führ­te zu einem Pro­zess, den Eli­za Tou­ch­et in Zadie Smit­hs Roman sehr genau verfolgt.

Smith ver­sucht mit Betrug noch eine wei­te­re Rand­fi­gur in den Mit­tel­punkt zu rücken: Andrew Bog­le, der als Ver­sklav­ter auf einer Zucker­rohr­plan­ta­ge in Jamai­ka auf­wächst und spä­ter nach Eng­land reist, wo er als Die­ner unter ande­rem Bekannt­schaft mit besag­tem Roger Tich­bor­ne macht. Im Pro­zess sagt er für den ver­meint­li­chen Tich­bor­ne-Erben aus und trifft auf Eli­za Tou­ch­et. Auf die­se Wei­se schließt sich der Kreis in Zadie Smit­hs ambi­tio­nier­ten und eigen­tüm­li­chen Roman.

Im Fol­gen­den tau­schen wir uns über unse­re Lese­ein­drü­cke aus. Lisa hat die Über­set­zung gele­sen, Julia das eng­li­sche Original. 


Lisa Men­sing: Zadie Smith! Ich muss geste­hen, dass Betrug das ers­te Buch ist, das ich von Zadie Smith gele­sen habe. Ich habe also völ­lig ahnungs­los und unbe­fan­gen ange­fan­gen zu lesen, aber ich weiß, dass es dir da ganz anders ging, Julia. Du bist ein gro­ßer Zadie-Smith-Fan und hat­test dem­entspre­chend auch eine gewis­se Erwar­tungs­hal­tung. Wie ist es dir mit Betrug ergangen?

Julia Rosche: Ich mag ihre Bücher, aber ich lie­be auch vie­le vik­to­ria­ni­sche Roma­ne. In Betrug begeg­nen wir ja auch eini­gen Grö­ßen die­ser Zeit, allen vor­an Charles Dickens – mit dem Zadie Smith ja eine Art Hass-Lie­be ver­bin­det – oder auch Wil­liam M. Tha­ckeray, der dar­in als Kari­ka­tur auf­taucht. Lus­ti­ger­wei­se erin­nern Smit­hs frü­he Roma­ne ein biss­chen an Dickens. Ihr Debüt Zäh­ne Zei­gen war ein gigan­ti­sches, wit­zi­ges Gene­ra­tio­nen­por­trät drei­er Lon­do­ner Fami­li­en mit vie­len Neben­hand­lun­gen. Was könn­te mehr Dickens sein als das? Sie schreibt aber im New Yor­ker, dass sie auf jeden Fall ver­mei­den woll­te, einen vik­to­ria­ni­schen Roman zu imi­tie­ren und auch mit dem Gen­re des his­to­ri­schen Romans zu kämp­fen hat­te. Ich glau­be, dahin­ter steckt beim Schrei­ben die Angst, einen Roman zu pro­du­zie­ren, der ent­we­der zu sehr Kopie oder zu sehr Kli­schee ist. Und das mag dazu geführt haben, dass mir in ihrem neu­en Roman alles sehr skiz­zen­haft erscheint. Ich hat­te nicht das Gefühl, dass man sich in der His­to­rie ver­lie­ren kann, zumal der moder­ne Blick auf das Gesche­hen deut­lich erkenn­bar ist. Wie erging es dir?

L.M.: Ich habe den Roman gern gele­sen, aber lan­ge wuss­te ich über­haupt nicht, wohin das gan­ze füh­ren wird oder soll. Das hat mich immer wie­der so sehr irri­tiert, dass ich mich gefragt habe, ob ich wei­ter­le­sen soll – was ich am Ende ja gemacht habe, und was sich auch gelohnt hat. Der Auf­bau des Romans ist aber schon spe­zi­ell, fin­de ich. Die Geschich­te wird lang­sam auf­ge­rollt, lan­ge war mir nicht klar, wie das Leben von der Haupt­fi­gur Eli­za Tou­ch­et mit dem Tich­bor­ne-Pro­zess zusam­men­hängt und immer wie­der gibt es Rück­blen­den, die zwar alle in gewis­ser Wei­se sinn­voll sind, aber für Hand­lung und Figu­ren­zeich­nung auch ent­behr­lich gewe­sen wären. Ging es dir genau­so, oder ist der Auf­bau für dich voll­kom­men schlüssig?

JR.: Ich hat­te einen ähn­li­chen Ein­druck. In dem Roman gibt es eine Stel­le, an der Tha­ckeray zu Mrs. Tou­ch­et über die Fähig­kei­ten ihres Schrift­stel­ler-Cou­sin sagt: „[W]ell, per­haps your cou­sin too fre­quent­ly mista­kes infor­ma­ti­on for inte­rest. Espe­ci­al­ly in this latest volu­me.“ Es ist etwas unglück­lich, wenn ein Roman selbst – ob absicht­lich oder unab­sicht­lich – auf die eige­nen Schwä­chen hin­weist. Es gibt so vie­le Cha­rak­te­re, die kaum signi­fi­kant zur Erzäh­lung bei­tra­gen, ange­fan­gen bei den Dut­zend Kin­dern von Mr. Ains­worth. Außer­dem sind alle mit­ein­an­der ver­wandt oder wech­seln ihre Namen. Das erin­nert zwar durch­aus an Roma­ne des 19. Jahr­hun­derts, aber in Kom­bi­na­ti­on mit der frag­men­ta­ri­schen Erzähl­wei­se erge­ben sich eini­ge Län­gen. Ich wür­de zudem behaup­ten, Zadie Smith hat selbst damit gerun­gen, den Roman nicht mit Infor­ma­tio­nen zu über­häu­fen. Den­noch gab es eini­ge Stel­len, wo es offen­sicht­lich nur dar­um ging, den Lesen­den Fak­ten zu ver­mit­teln oder das his­to­ri­sche Set­ting einzuordnen. 

Hat dich das gestört? Für mich wäre es an eini­gen Stel­len nicht not­wen­dig gewe­sen, aber ich hat­te auch Vorwissen.

L.M.: Mein Vor­wis­sen hält sich auf dem Gebiet tat­säch­lich in Gren­zen, aber trotz­dem hät­te ich nicht all die­se Infor­ma­tio­nen benö­tigt, um mir die Zusam­men­hän­ge erschlie­ßen zu kön­nen. Bis zum Schluss dach­te ich, es gäbe noch eine Art gro­ße Ent­hül­lung, die den Tich­bor­ne-Fall mit dem Leben von Mrs. Tou­ch­et stär­ker ver­knüpft, da es immer wie­der lose Erzähl­strän­ge gab, die noch nicht wirk­lich mit ande­ren Erzähl­strän­gen ver­bun­den wur­den. Dass die­se Ent­hül­lung aus­blieb, ist auf his­to­ri­scher Ebe­ne sicher­lich kor­rekt, hat mich als Lese­rin eines Romans letzt­end­lich aber nicht befrie­digt. Vor allem, als Mrs. Tou­ch­et erkennt, bei wem es sich um den Anwalt des Ange­klag­ten han­delt, wur­de ich ganz hell­hö­rig und dach­te: Jetzt kommt’s! Aber na ja, so viel kam dann nicht. Kurz­um: Ein biss­chen straf­fer hät­te das Gan­ze mit Sicher­heit erzählt wer­den können.

Ins­ge­samt sind aber vor allem die Figu­ren wun­der­bar gezeich­net, Mrs. Tou­ch­et ist eine moder­ne femi­nis­ti­sche Frau, die mir bestimmt in Erin­ne­rung blei­ben wird und die vie­len Schrift­stel­ler, die als Haupt­fi­gu­ren oder Neben­fi­gu­ren auf­tau­chen, ver­se­hen den Roman mit einer gewis­sen Pri­se Humor, die in der Über­set­zung per­fekt trans­por­tiert wird. Da ist zum Bei­spiel die neue Mrs. Ains­worth, die von Mrs. Tou­ch­et regel­mä­ßig ver­bes­sert wird, weil sie sehr umgangs­sprach­lich spricht, was Han­dels zum Bei­spiel durch das Zusam­men­zie­hen der Wör­ter dar­stellt. Wirt­ke das Ori­gi­nal auf dich genau­so humorvoll?

Hier ein Beispiel:

“Well, it ain’t.”
“— Isn’t,” inter­rupt­ed Eli­za from a force of habit. “— Ain’t a pawn­bro­ker and ain’t a mari­ne store, neither. It’s a dol­ly shop.”

„Isses nicht.“
„Ist es nicht …“, kor­ri­gier­te Eli­za aus alter Gewohn­heit.
„… isses nicht, kein Pfand­lei­her und auch kein Tröd­ler. Das da, das ist ein Lumpensammler.“

J.R.: Ich fin­de Zadie Smit­hs Tex­te fast immer sehr wit­zig. Mrs. Ains­worth ist die neue Schwä­ge­rin, da Ains­wort­hs ers­te Frau, Anne Fran­ces, im Lau­fe des Romans ver­stirbt. Also hei­ra­tet Ains­worth eine jün­ge­re Frau. Ich glau­be, Mrs. Tou­ch­et fühlt sich ihr zugleich über­le­gen und von ihr bedroht, denn die jun­ge Frau ist ja ganz offen­sicht­lich eine Art Ersatz für die Ver­stor­be­ne – und das zeich­net sich sprach­lich ab. Nichts ist für die eng­li­sche Mit­tel­schicht so gefähr­lich wie der Kon­takt zur Arbei­ter­schicht. An der ers­ten von dir zitier­ten Stel­le unter­neh­men bei­de einen Aus­flug durch das Arbei­ter­vier­tel, in dem Mrs. Ains­worth auf­ge­wach­sen ist, weil sie Mrs. Tou­ch­et zei­gen will, wie wirk­li­che Armut aus­sieht. An der Stel­le wird deut­lich, dass Mrs. Tou­ch­et bei aller Intel­li­genz und bei allem Bewusst­sein für sozia­le Unge­rech­tig­kei­ten doch recht welt­fremd ist. Inter­es­sant ist der „Dol­ly Shop“, was tat­säch­lich eine Art vik­to­ria­ni­scher Slang ist. Der geht in der deut­schen Über­set­zung etwas verloren.

L.M.: Bei der deut­schen Über­set­zung steht im Impres­sum ganz klein: „Spra­che und Sprach­ge­brauch in die­sem Roman fol­gen der his­to­ri­schen Epo­che, in der er spielt. Die Über­set­zung ori­en­tiert sich bei kri­ti­schen Begrif­fen, Sprach­fär­bun­gen und Ver­glei­chen eng am Ori­gi­nal.“ Die­ser Satz soll Kritiker:innen in Bezug auf sen­si­ble Begrif­fe ver­mut­lich den Wind aus den Segeln neh­men, ich bin aber eher an dem ers­ten Teil des Sat­zes hän­gen geblie­ben: „Spra­che und Sprach­ge­brauch in die­sem Roman fol­gen der his­to­ri­schen Epo­che“. Grund­sätz­lich kam mir die Spra­che – abge­se­hen von fein gesetz­ten älte­ren Begrif­fen – durch­aus modern vor. Wie ging es dir beim Lesen des eng­li­schen Originals?

J.R.: His­to­risch erschien mir ledig­lich die Auf­tei­lung in „Volu­mes“, die ist ganz typisch in vik­to­ria­ni­schen Roma­nen, und natür­lich die Geschich­te an sich. Alles ande­re – bei­spiels­wei­se die kur­zen Kapi­tel, die Per­spek­tiv­wech­sel oder die Zeit­sprün­ge – sind sehr moder­ne Ele­men­te, dazu zählt auch die Spra­che. In dem sehr auf­schluss­rei­chen New-Yor­ker-Essay begrün­det Zadie Smith das wie folgt: „Memoirs of Hadri­an, by Mar­gue­ri­te Your­ce­nar, is not writ­ten in Latin, and Mea­su­ring the World, by my fri­end Dani­el Kehl­mann, is not in old Ger­man. Even the lan­guage of Wolf Hall has very litt­le to do with real Tudor syn­tax.“ Sie sieht also von einer sprach­li­chen Imi­ta­ti­on ab. 

Auf­fäl­lig ist das zum einen, wie du bereits sagst, bei den Dia­lo­gen. Es gibt sehr vie­le empha­ti­sche Aus­ru­fe wie „Ha! Ha! Ha!“ oder „Hear! Hear!“. Und Ains­wort­hs neue Frau, über die wir gera­de gespro­chen haben, sagt bei­spiels­wei­se auch: „And what sort of thing does a Lord like? I’ll tell you: fight­ing, fuck­ing, drin­king, and kicking a pigs­kin about.“ Das ist eine ganz ande­re Spra­che, als man sie in vie­len Roma­nen der Zeit oder gar in Über­set­zun­gen von Roma­nen des 19. Jahr­hun­derts fin­den wür­de. Zum ande­ren sind vie­le Sät­ze – gera­de in Beschrei­bun­gen – mit­un­ter extrem kurz, teil­wei­se han­delt es sich um Ellip­sen. Es ist ja kein Muss, dass ein his­to­ri­scher Roman eine rei­ne Nach­ah­mung sein muss. Aber es stellt sich natür­lich die Fra­ge, ob die Ver­wen­dung bestimm­ter Begrif­fe wirk­lich not­wen­dig ist, wenn auf sprach­li­cher und gestal­te­ri­scher Ebe­ne his­to­ri­sche Ele­men­te nicht ein­ge­baut wer­den. Am ehes­ten lässt sich hier die Ver­wen­dung ras­sis­ti­scher Bezeich­nun­gen mit Blick auf den Plot begründen.

L.M.: Im Deut­schen sagt sie: „… und was gefällt so einem Lord? Ich will’s euch sagen: prü­geln, ram­meln, sau­fen und gegen einen Ball aus Schweins­le­der tre­ten.“ Die zwei­te Mrs. Ains­worth hat wirk­lich, wie oben bereits erwähnt, eine beson­de­re Sprech­wei­se, die im Deut­schen wun­der­bar funk­tio­niert, sie wie­der­holt bestimm­te Phra­sen immer wie­der, zum Bei­spiel „wenn ihr wisst, was ich mei­ne“ am Ende des Sat­zes, sie zieht Wör­ter zusam­men und sie schreckt nicht vor Schimpf­wör­tern zurück, was Eli­za Tou­ch­et immer wie­der zusam­men­zucken lässt. Bei dem von dir genann­ten Bei­spiel­satz ist die Über­set­zung viel­leicht nicht ganz so kna­ckig wie das Ori­gi­nal, weil „pigs­kin“ den deut­schen Leser:innen zwangs­läu­fig erklärt wer­den muss.

Aber noch­mal zu dem Hin­weis im Impres­sum: Ist die­ser Hin­weis bei die­sem Roman nötig? Hast du Anstoß an bestimm­ten Wor­ten oder Beschrei­bun­gen genommen?

J.R.: Aus mei­ner Sicht sind die ras­sis­ti­schen Beschrei­bun­gen von Figu­ren oder die Dar­stel­lun­gen von Ras­sis­men Teil der Geschich­te, die sie erzäh­len möch­te. Beim Lesen des Romans wird klar, dass Smith sol­che Begrif­fe stra­te­gisch und bewusst ein­setzt. Ich stö­re mich nur ein biss­chen an der Begrün­dung, da – wie gera­de ange­schnit­ten – der Roman zwar inhalt­lich his­to­risch, aber sprach­lich an vie­len Stel­len recht modern wirkt. Es geht also pri­mär um den Plot. Die Ver­wen­dung lässt sich nicht dadurch begrün­den, dass Zadie Smith hier älte­re Kon­ven­tio­nen des Schrei­bens oder Spre­chens imi­tiert – gera­de das will sie ja nicht. Letzt­end­lich kann aber nie­mand einer Autorin, im Fall von Zadie Smith einer Per­son of Colour mit Wur­zeln in Jamai­ka und Groß­bri­tan­ni­en vor­schrei­ben, mit wel­chen Wör­tern sie die Geschich­te erzäh­len darf und mit wel­chen nicht. Wie über­setzt Han­dels bei­spiels­wei­se das N‑Wort?

A meaningful look – don’t poke the Tar­ge – pas­sed swift­ly round the room wit­hout mana­ging to catch William’s atten­ti­on. He was pre­pa­ring his pipe, and see­med to address the tob­ac­co its­elf as he tam­ped it down. ‘Cou­sin … real­ly, you exag­ge­ra­te. I’ve read quite a bit about it and it seems clear that this Rever­end Gor­don was a rabb­le-rou­ser – a mulat­to. He whip­ped up the peo­p­le, which we know by now the­se Bap­tists have a habit of doing … And Gor­don con­spi­red with the … well, with this other negro lay-pre­a­cher fel­low, and all the other con­spi­ra­tors. Eigh­te­en white men died in the ori­gi­nal disturbance.’

Bered­the Bli­cke – bloß nicht die Tartsche auf­sta­cheln – flo­gen rasch durch den Raum, doch es gelang ihnen nicht, Wil­liams Auf­merk­sam­keit zu erhei­schen. Er stopf­te gera­de sei­ne Pfei­fe und sprach schein­bar direkt zum Tabak, wäh­rend er ihn fest­stampf­te.
„Cou­sin­chen … ehr­lich, du über­treibst. Ich habe eini­ges dar­über gele­sen, und es hat den Anschein, als sei die­ser Rever­end Gor­don ein Auf­wieg­ler – ein Mulat­te. Er hat die Leu­te ange­heizt, wie es die­se Bap­tis­ten, wir wis­sen es inzwi­schen, gewohn­heits­mä­ßig tun … Und er hat auch mit die­sem … ach, mit die­sem ande­ren schwar­zen Lai­en­pre­di­ger und den gan­zen wei­te­ren Ver­schwö­rern kon­spi­riert. Bei den ursprüng­li­chen Unru­hen haben acht­zehn Wei­ße ihr Leben gelassen.“

L.M.: Das N‑Wort kommt nicht vor, in dem genann­ten Bei­spiel wird es durch „Schwar­ze“ ersetzt. Für mich hat das sehr gut funk­tio­niert. Die Hal­tung der Wei­ßen gegen­über den Schwar­zen, gegen­über den ver­sklav­ten Men­schen, wird auch ohne das N‑Wort deut­lich. Daher hat die­ser Ein­griff für mich kei­nen nega­ti­ven Effekt, denn es ist trotz­dem erkenn­bar, in wel­chem Set­ting wir uns befin­den. Ande­re Wör­ter wie „Mulat­te“ hin­ge­gen kom­men auch in der deut­schen Über­set­zung vor und wur­den 1:1 über­setzt. In die­sem Bei­spiel han­delt es sich aller­dings auch um die Per­so­nen­re­de, die authen­tisch wir­ken soll. Ich fin­de die Ent­schei­dung also nachvollziehbar.

In über­set­ze­ri­scher Hin­sicht fand ich außer­dem vor allem die Aus­füh­run­gen von Wil­liam Ains­worth über die Gau­ner­spra­che spannend:

„Er war ganz ver­narrt in sein Vor­ha­ben, beson­ders in die ‚der­ben Lie­der‘, die von den Figu­ren aus der kri­mi­nel­len, Cock­ney spre­chen­den Unter­welt gesun­gen wer­den soll­ten und deren Tex­te er in einer ‚Gau­ner­spra­che‘ ver­fass­te, die er irgend­wo auf­ge­schnappt hat­te. Wo?
‚Wie meinst du das, wo?‘
‚Nun, Gau­ner­spra­che ist ja nicht über­all gleich, nicht wahr? Ein Cock­ney-Jar­gon etwa wird sich sicher­lich vom schot­ti­schen Jar­gon unter­schei­den. Und die Gau­ner­spra­che in Man­ches­ter ist gewiss wie­der eine ganz ande­re.‘
‚Eli­za Tou­ch­et, was bist du bloß für eine Krä­mer­see­le. Ist das denn wich­tig?‘
‚Müs­sen Figu­ren nicht glaub­haft spre­chen? Damit wir an sie glau­ben können?‘

Hier kon­fron­tiert Mrs. Tou­ch­et ihren Cou­sin mit einem Pro­blem, dem sich Übersetzer:innen auch immer wie­der stel­len müs­sen. Aber es wird noch konkreter:

‚Gib mir ein Bei­spiel für einen Satz aus der Gau­ner­spra­che.‘
‚Aber lie­bend gern! Nix my doll, pals – fake away!’
Mrs Tou­ch­et lach­te schal­lend auf.
,Ist das nicht groß­ar­tig? Blo­ßes Kau­der­welsch für anstän­di­ge, auf­rech­te Men­schen wie uns, aber für die ver­bre­che­ri­schen Ele­men­te ist es eine Art Geheim­spra­che. Die sich ganz exakt über­set­zen lässt. Die­ser Satz bedeu­tet: Sorgt euch nicht, Freun­de, stehlt ein­fach weiter.‘

Tan­ja Han­dels prä­sen­tiert hier eine opti­ma­le Lösung, indem sie die Gau­ner­spra­che auf Eng­lisch ste­hen lässt und den Satz danach auf Deutsch erklärt. So bleibt man im Land der Hand­lung, kann sich ein Bild von der angeb­li­chen Gau­ner­spra­che machen und trotz­dem geht auf der Inhalts­ebe­ne nichts verloren.

J.R.: Die Stel­le ist sehr span­nend, weil man im Deut­schen den­ken wür­de, dass dahin­ter viel­leicht eine über­set­ze­ri­sche Ent­schei­dung steht. Aber die Über­set­zung ist eng am Original:

‘Give me an exam­p­le.’ ‘What?’ ‘Give me an exam­p­le of a line of cant.’ ‘Hap­pi­ly! Nix my doll, pals – fake away!’
Mrs Tou­ch­et laug­hed out loud.
‘Mar­vell­ous, isn’t it? Non­sen­se to good, upstan­ding peo­p­le like our­sel­ves, of cour­se, but to the cri­mi­nal ele­ment it’s a form of code.
Which may be trans­la­ted exact­ly. That one means: Don’t worry, lads, you car­ry on stealing!’

Der Witz ist ja, dass Ains­worth ein schlech­ter Autor und sei­ne Pro­sa wohl sehr zäh und lang­wei­lig ist. Er ver­sucht an die­ser Stel­le, Mrs. Tou­ch­et weis­zu­ma­chen, dass er Ahnung hat, wie Men­schen wirk­lich spre­chen. Die Sze­ne erin­nert auch an den Dia­log zwi­schen Mrs. Ains­worth und Mrs. Tou­ch­et, den wir uns vor­hin ange­schaut haben. Im Prin­zip feti­schi­sie­ren bei­de das Arbei­ter­mi­lieu, mit dem sie eigent­lich so gut wie nichts gemein haben. Mr. Ains­worth ist zusät­lich noch ein elen­di­ger Bes­ser­wis­ser, wes­halb er ihr den Satz noch mal über­setzt. Ver­mut­lich wur­de die Über­set­zung aber auch ein­ge­baut, weil nicht alle eng­lisch­spra­chi­gen Leser:innen die Rede­wen­dung ken­nen oder ver­ste­hen würden.

Hin­ter dem „Don’t cha­rac­ters have to speak belie­v­a­b­ly? So we belie­ve in them?“ viel­leicht auch die Erklä­rung dafür, war­um der Roman „modern“ wirkt: Es mag im Sin­ne der Cha­rak­te­ri­sie­rung sein, wenn die Figu­ren auf eine Art und Wei­se spre­chen, die auf uns authen­tisch wirkt. Ich glau­be, die Gefahr bei his­to­ri­schem Mate­ri­al ist immer, dass es auf Lesen­de sehr tro­cken und steif wir­ken kann, und ver­mut­lich woll­te Smith genau das umgehen. 

Die­ses Ver­lan­gen nach Authen­ti­zi­tät steht ja auch im Kon­trast zum eigent­li­chen Motiv: „Betrug“ (oder im Eng­li­schen „the Fraud“). Der Begriff fällt ja an eini­gen Stel­len. Wie fan­dest du den Umgang damit?

L.M.: Erst­mal fin­de ich inter­es­sant, dass der Titel schon ver­rät, wie es um den Tich­bor­ne-Pro­zess bestellt ist – jemand ver­sucht, allen ande­ren einen Bären auf­zu­bin­den und kommt damit fast durch. Trotz­dem habe ich mich immer wie­der dabei erwischt, beim Lesen dar­über zu spe­ku­lie­ren, ob der ver­meint­li­che Tich­bor­ne-Erbe wirk­lich die Per­son ist, die er zu sein vor­gibt – aber dann ist mir wie­der der Titel des Buches ein­ge­fal­len und die Span­nung war dahin. Trotz­dem ist der Titel mei­ner Mei­nung nach per­fekt gewählt, gera­de weil er auf so vie­len Ebe­nen im Buch eine Rol­le spielt, es wird in allen Lebens­be­rei­chen gelo­gen und betro­gen, jede Per­son hat ihre Geheim­nis­se und geht mit der Infor­ma­ti­ons­preis­ga­be sehr bewusst um. Span­nend ist übri­gens, dass das Buch in der nie­der­län­di­schen Über­set­zung „Char­la­tan“ heißt, also „Schar­la­tan“. Die­ser Titel ist auch sehr pas­send, ver­schiebt aber den Fokus.

J.R.: Die Ent­schei­dung für „Char­la­tan“ im Nie­der­län­di­schen passt tat­säch­lich bes­ser zum eng­li­schen Ori­gi­nal­ti­tel. „The Fraud“ kann sich auf ein Ver­bre­chen bezie­hen, aber auch gleich­zei­tig eine Per­son, also ein Betrü­ger, sein. 

Es gibt ja in dem Roman auch ande­re For­men des Betrugs, zum Bei­spiel die Drei­ecks­be­zie­hung zwi­schen Mrs. Tou­ch­et und dem Ehe­paar Ains­worth. An vie­len Stel­len wird die Dyna­mik nur ange­deu­tet, vor allem, was die Lie­bes­ge­schich­te der zwei Frau­en betrifft. Smith umgeht an vie­len Stel­len sehr expli­zi­te Dar­stel­lun­gen, aber ich fand die Umschrei­bun­gen auch nicht immer gelun­gen. Im Eng­li­schen sind sol­che Stel­len nah am Kitsch. Wie hast du das in der deut­schen Über­set­zung empfunden?

Like a fin­ger. Like two pene­t­ra­ting fin­gers. Like two fin­gers pene­t­ra­ting a flower. In com­ple­te, cand­le-less dark­ness. As if the fin­gers and the flower were not sepa­ra­te but one, and so inca­pa­ble of sin­ning the one against the other. Two fin­gers ente­ring a bloom not unli­ke the wild ones in the hedge­row – laye­red like tho­se, with the same over­lap­ping folds – yet mira­cu­lous­ly warm and wet, puls­ing, made of fle­sh. Like a ton­gue. Like the bud of a mouth. Like ano­ther bud, appar­ent­ly made for a ton­gue, lower down.

Ein Fin­ger etwa. Zwei ein­dring­li­che Fin­ger. Zwei Fin­ger, die in eine Blu­me drin­gen. In voll­stän­di­ger, ker­zen­lo­ser Dun­kel­heit. Als wären die Fin­ger und die Blu­me nicht zwei­er­lei, son­dern eins und folg­lich gar nicht fähig, sich anein­an­der zu ver­sün­di­gen. Zwei Fin­ger schie­ben sich in eine BLü­te, ganz ähn­lich jenen wil­den, die zwi­schen den Hecken wuch­sen – ganz ähn­lich ange­ord­net, mit den glei­chen, inein­an­der gebet­te­ten Blät­tern –, und doch wun­der­sam warm und feucht, pochend, aus Fleisch gemacht. Wie eine Zun­ge. Wie die Knos­pe eines Mun­des. Eine zwei­te Knos­pe, wohl eben­falls gemacht für eine Zun­ge, nur wei­ter unten.

L.M.: Ins­ge­samt ist mir das glück­li­cher­wei­se nicht so oft auf­ge­fal­len, aber das von dir gewähl­te Bei­spiel ist mir auch nega­tiv in Erin­ne­rung geblie­ben. Erneut bewegt sich die Über­set­zung sehr dicht am Ori­gi­nal – was bleibt ihr auch ande­res übrig? Das Bild ist im Deut­schen genau­so unrund, wie im Eng­li­schen, es ver­liert mich zwi­schen­zeit­lich auch kom­plett, die Mischung aus zu abs­trakt und dann doch viel zu offen­sicht­lich wirkt ver­wir­rend und etwas ungelenk.

J.R.: Setzt sich der Ein­druck auch in dem Teil, der aus der Per­spek­ti­ve von Mr. Bog­le erzählt wird, fort? Im Eng­li­schen las sich sei­ne Geschich­te fast wie ein Pro­to­koll – sehr nüch­tern, mit extrem kur­zen Sät­zen und im Ver­gleich zu den Kapi­teln mit Mrs. Tou­ch­et viel ernsthafter. 

L.M.: Letzt­end­lich war es genau­so die­se Geschich­te, die mich dazu gebracht hat, das Buch nicht weg­zu­le­gen. Mr. Bog­le erzählt chro­no­lo­gisch sei­ne Lebens­ge­schich­te und die sei­nes Vaters, der in jun­gen Jah­ren ent­führt und ver­sklavt wur­de. Die Zeit­sprün­ge und Per­spek­tiv­wech­sel fal­len weg und obwohl die erzähl­te Geschich­te über die Ver­sklav­ten Jamai­kas auf inhalt­li­cher Ebe­ne durch ihre Grau­sam­keit for­dernd ist, ist sie in ihrem Auf­bau weni­ger her­aus­for­dernd und viel strin­gen­ter. Hier wur­de ich stär­ker in die Geschich­te hin­ein­ge­zo­gen als bei den Hand­lungs­strän­gen in England. 

J.R.: Wir müs­sen noch ein Fazit zie­hen. Wie haben dir dein ers­ter Zadie-Smith-Roman und die Über­set­zung gefallen?

L.M.: Was den Roman betrifft, bin ich noch unschlüs­sig – ich habe das Gefühl, dass Smith ver­sucht hat, zu vie­le The­men­fel­der mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen. Grund­sätz­lich hän­gen die Haupt­er­zähl­strän­ge zwar alle zusam­men, aber die vie­len Neben­schaus­plät­ze len­ken immer wie­der von der eigent­li­chen Geschich­te ab. Trotz­dem bin ich froh, das Buch gele­sen zu haben und ich bin jetzt neu­gie­rig auf die ande­ren Roma­ne der Autorin. Bei der Über­set­zung ist mein Urteil viel kla­rer, die fin­de ich abso­lut gelun­gen. Tan­ja Han­dels hat geschickt immer wie­der etwas älte­re Begrif­fe ein­ge­streut, die dem Text in die erzähl­te Epo­che hel­fen, und trotz­dem wirkt er modern und frisch. Wie wir an den Bei­spie­len sehen konn­ten, bleibt sie dicht am Ori­gi­nal, was mir hier auf jeden Fall sehr gut gefällt. Wäh­rend der Roman an sich ein paar Män­gel auf­weist, über­zeugt die Über­set­zung auf gan­zer Linie.

Zadie Smith | Tan­ja Han­dels

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