„Aud­re Lor­des Lyrik soll­te hier­zu­lan­de einen ande­ren Stel­len­wert erhalten“

Marion Kraft hat Werke der karibisch-amerikanischen Dichterin Audre Lorde ins Deutsche übertragen. Ein Gespräch über verlegerische Entscheidungen, die Herausforderungen beim Übersetzen und Audre Lordes Rolle in Deutschland.

Interview:

Die Übersetzerin neben einigen Übersetzungen. Foto: privat.

Im Nach­wort zu Aud­re Lor­des Essay­samm­lung Sis­ter Out­si­der schrei­ben Sie, dass die Lek­tü­re „erschre­ckend aktu­ell“ sei. Beim Lesen habe ich mich gefragt, ob bestimm­te poli­ti­sche Bewe­gun­gen nicht effek­tiv genug waren. Wie schät­zen Sie die Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re ein? War­um sind Aud­re Lor­des Tex­te immer noch so aktu­ell?

Mari­on Kraft: Die­se Aktua­li­tät besteht auf allen Ebe­nen, das konn­ten wir zum Bei­spiel gera­de beim End­spiel der Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft sehen, als die Spie­ler der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft nach dem Aus­schei­den mas­siv ras­sis­tisch ange­grif­fen wur­den. Im letz­ten Jahr war die Ermor­dung von Geor­ge Floyd und das Auf­flam­men der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung ein gro­ßes The­ma, obwohl es die­se schon viel län­ger gibt. In Deutsch­land wird dann oft gefragt, ob es sol­che Pro­ble­me mit Ras­sis­mus auch bei uns gäbe – die Fra­ge ist aber voll­kom­men obso­let. Seit ich den­ken kann, erle­be ich All­tags­ras­sis­mus. Die­ser ist nicht nur ein struk­tu­rell beding­tes Pro­blem in den USA, son­dern auch hier in Deutsch­land. Aud­re Lor­des Tex­te sind „erschre­ckend“ aktu­ell, weil sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten viel zu wenig geän­dert hat, auch was die Reprä­sen­tanz von Schwar­zen Men­schen und ande­ren Peop­le of Color angeht. Aud­re Lor­de hat sehr früh die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Unter­drü­ckungs­me­cha­nis­men und Ras­sis­men auf­ge­zeigt. Sie war auch eine der ers­ten, die Inter­sek­tio­na­li­tät – ohne den Begriff selbst zu ver­wen­den – betont hat. Ihre Essays sind aber auch noch auf eine ande­re Wei­se aktu­ell: Die Tex­te regen zum Nach­den­ken an. Sie trans­por­tie­ren ein gewis­ses Empower­ment und for­dern die Leser*innen zum Han­deln auf. Es ist schön, dass Aud­re Lor­de jetzt end­lich auch in Deutsch­land mehr Auf­merk­sam­keit erfährt.

Aud­re Lor­de schreibt in dem Essay „Vom Nut­zen der Wut“, dass Wut eine ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf Ras­sis­mus sei. Sie haben gera­de gesagt, dass Sie Ihr gan­zes Leben lang Ras­sis­muser­fah­run­gen gemacht haben. Lässt die­se Wut irgend­wann nach? Macht sich nach all den Jah­ren auch eine gewis­se Müdig­keit breit?

Die Müdig­keit stellt sich tat­säch­lich irgend­wann ein, vor allem wenn ich mer­ke, wie wenig sich ändert. Ich habe den Ein­druck, dass vie­le neue Bewe­gun­gen das Rad zum hun­derts­ten Mal neu erfin­den. Zudem wer­den immer die­sel­ben Fra­gen gestellt, auf die dann von Dis­kri­mi­nie­rung Betrof­fe­ne eine Ant­wort fin­den sol­len. Das ist schon ermü­dend, aber es bedeu­tet gleich­zei­tig auch, dass die Wut wie­der wächst. Manch­mal fra­ge ich mich, wie oft ich bestimm­te Din­ge noch erklä­ren muss. Hin und wie­der will ich ein­fach ant­wor­ten: Lest doch zur Abwechs­lung mal Aud­re Lor­de oder die Tex­te, die Schwar­ze Autor*innen hier in Deutsch­land schon vor Jahr­zehn­ten geschrie­ben haben. Ich wer­de jetzt etwas bekann­ter, obwohl ich schon seit lan­ger Zeit publi­zie­re, doch auf ein­mal bin ich für die Medi­en die „Schwar­ze Über­set­ze­rin“. Ers­tens bin ich nicht haupt­be­ruf­lich Über­set­ze­rin und zwei­tens defi­nie­re ich mich nicht aus­schließ­lich dar­über, dass ich Schwarz bin. In Ver­le­ger­krei­sen heißt es immer wie­der, dass sie kei­ne Schwar­zen Übersetzer*innen ken­nen wür­den. Ich habe den Ein­druck, sie ken­nen ledig­lich eine. Die möch­te ich aber nicht sein, weil ich nicht Stell­ver­tre­te­rin für eine gro­ße Grup­pe von Men­schen sein will. Vie­le den­ken ja auch, wenn wir jetzt eine PoC-Übersetzer*in beauf­tra­gen, dann haben wir unse­re Pflicht für mehr Diver­si­tät erfüllt. Das alles sind Din­ge, die mich immer noch wütend machen. Ich ver­su­che dann – so wie es Aud­re Lor­de for­der­te – die­se Wut in krea­ti­ves Han­deln umzusetzen. 

In Ihrem Nach­wort zu Sis­ter Out­si­der steht, dass es sich um eine Neu­über­set­zung han­delt. Im Feuil­le­ton hieß es jedoch erst vor kur­zem, dass Aud­re Lor­des Essay­band nun erst­ma­lig auf Deutsch erschei­ne. Kön­nen Sie die Über­set­zungs­ge­schich­te des Bands kurz nach­zeich­nen?

Da kommt die Wut wie­der auf. Es hat mich sehr geär­gert, dass sol­che Behaup­tun­gen vom Feuil­le­ton auf­ge­wor­fen wur­den. Vor weni­gen Tagen erschien ein Arti­kel in der Süd­deut­schen Zei­tung, der zum ers­ten Mal dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass schon vor vier­zig Jah­ren ganz ver­schie­de­ne Frau­en* Aud­re Lor­des Schaf­fen in Deutsch­land doku­men­tiert haben. Dag­mar Schultz hat bereits in den 80er Jah­ren, ein Vier­tel­jahr nach­dem die Essay­samm­lung A Burst of Light in den USA erschien, die deut­sche Über­set­zung Licht­flut und den Band Macht und Sinn­lich­keit mit Tex­ten von Aud­re Lor­de und Adri­en­ne Rich im Orlan­da Ver­lag her­aus­ge­bracht. Dar­in waren auch Essays aus Sis­ter Out­si­der ent­hal­ten. Ich selbst habe schon 1994 aus­ge­wähl­te Gedich­te von Aud­re Lor­de über­setzt. Über all die Jah­re hin­weg haben wir viel gemacht. Als Ganz­schrift ist Sis­ter Out­si­der eine Erst­ver­öf­fent­li­chung auf Deutsch, aber vie­le der dar­in ent­hal­te­nen Essays sind schon lan­ge woan­ders ver­öf­fent­licht gewe­sen. Der Main­stream hat das nur nicht mit­be­kom­men, des­halb schreibt nun jede grö­ße­re Zei­tung, dass Aud­re Lor­de end­lich auch auf Deutsch erschie­nen sei. Die­se Behaup­tung macht mich wütend, weil sie ver­deckt, was Frau­en* so vie­le Jah­re zuvor schon sowohl im Lite­ra­tur- als auch im Über­set­zungs­be­reich geleis­tet haben.

Kam der Ver­lag für die Über­set­zung von Sis­ter Out­si­der auf Sie zu?

Es sind nicht die alt­ein­ge­ses­se­nen wei­ßen Män­ner in den Ver­la­gen, die auf die Idee kom­men, einen Band von Aud­re Lor­de neu auf­zu­le­gen. Eine jun­ge Lek­to­rin kam nach Ber­lin, um über Aud­re Lor­de zu recher­chie­ren und traf sich mit Dag­mar Schultz, der sie erzähl­te, dass der Ver­lag Sis­ter Out­si­der dem­nächst raus­brin­ge und dafür auch schon eine Über­set­ze­rin gefun­den habe. Dag­mar Schultz hat dar­auf­hin gefragt, war­um sie kei­ne Schwar­ze Über­set­ze­rin genom­men hät­ten. Sie stell­te dann den Kon­takt zu mir her und irgend­wann wur­de ich schließ­lich gefragt, ob ich mir vor­stel­len kön­ne, den Band zusam­men mit Eva Bon­né zu über­set­zen. Wir haben dann bei­de ja gesagt – aus ver­schie­de­nen Grün­den neh­me ich an.

War­um haben Sie der Zusam­men­ar­beit zuge­sagt? Sie hät­ten die Essays sicher­lich auch gut allein über­set­zen können.

Ich arbei­te gern im Team. Außer­dem war das Zeit­fens­ter sehr klein, was bei gro­ßen Ver­la­gen ja öfter der Fall ist. Die Zusam­men­ar­beit war ins­ge­samt auch eine sehr posi­ti­ve Erfah­rung, weil wir uns gegen­sei­tig gut ergänzt haben. Eva Bon­né ist eine Voll­blut­über­set­ze­rin, die kei­ne Ruhe gibt, bis nicht jeder Satz hieb- und stich­fest ist. Da gab es schon so man­che län­ge­re Dis­kus­si­on. Mir ging es auch dar­um, Aud­re Lor­des poe­ti­sche Spra­che zu ver­mit­teln, die sich ja bewusst – so wie ihr gan­zes Den­ken – Nor­men wider­setzt. Ich hat­te das gan­ze Know-How zu Aud­re Lor­de und dem poli­ti­schen Kon­text sowie zu bestimm­ten Begriff­lich­kei­ten. Schluss­end­lich haben wir gute Lösun­gen gefun­den. Wir haben es dann auch als Team geschafft, unse­ren Sprach­ge­brauch gegen­über dem Ver­lag weit­ge­hend durch­zu­set­zen. Das eng­li­sche Wort „Race“ haben wir zum Bei­spiel nicht mit dem deut­schen Wort „Ras­se“ über­setzt. „Schwarz“ haben wir auch in sei­ner adjek­ti­vi­schen Ver­wen­dung groß geschrie­ben, „weiß“ hin­ge­gen klein und kur­siv. Ich habe betont, dass deut­lich wer­den muss, dass es bei der Ver­wen­dung von „weiß“ nicht um die Haut­far­be geht, son­dern der Begriff ein Refe­renz­rah­men ist, dem­ge­gen­über alles ande­re als „anders“ defi­niert wird. Kaum durch­zu­set­zen war hin­ge­gen die Ver­wen­dung von gen­der­neu­tra­ler Sprache.

Hat der Ver­lag gar kei­ne Form des Gen­derns akzeptiert?

Doch, aber es soll­te bit­te kein Gen­der­stern­chen sein. Wir haben es dann spar­sam ver­wen­det und sind hin und wie­der auf Par­ti­zi­pi­a­l­kon­struk­tio­nen aus­ge­wi­chen – was dem Feuil­le­ton gleich nega­tiv auf­ge­fal­len ist. Wir haben ver­sucht, es nur dann zu ver­wen­den, wenn es völ­lig unum­gäng­lich war. Auf die­sem Level bewe­gen sich die Debat­ten, die wir noch immer füh­ren müs­sen. Ich den­ke, dass sich gen­der­neu­tra­le Spra­che und ein ras­sis­mus­kri­ti­scher Sprach­ge­brauch irgend­wann durch­set­zen wer­den, aber ich weiß nicht, ob ich das noch erle­be. Das Umden­ken geht in die­ser Hin­sicht nur sehr lang­sam voran.

Ich habe den Ein­druck, dass vie­le Men­schen gen­der­neu­tra­le und ras­sis­mus­kri­ti­sche Spra­che in essay­is­ti­schen Tex­ten oder Sach­bü­chern eher akzep­tie­ren. Han­delt es sich jedoch um Gedich­te oder Roma­ne, wird argu­men­tiert, dass es dort mehr störe.

Tat­säch­lich macht es die deut­sche Spra­che einem nicht ein­fach, da sie nun ein­mal nicht gen­der­neu­tral ist. Letzt­lich bleibt mir nichts ande­res übrig als bei jedem Text, bei jedem Satz, bei jedem Wort neu zu über­le­gen, wie ich das über­set­ze, damit es einer­seits poli­tisch stim­mig, ande­rer­seits sprach­lich ver­tret­bar ist. Noch viel mehr auf­pas­sen müs­sen wir bei der Ver­wen­dung anti­ras­sis­ti­scher Spra­che. Ich habe gera­de eine ande­re Über­set­zung abge­schlos­sen und erhielt die Lek­to­rats­fah­nen zurück, wo Begrif­fe wie „Peop­le of Color“ oder „indi­gen“ gestri­chen wur­den. Auf ein­mal lie­fen mir plötz­lich wie­der „India­ner“ und „Far­bi­ge“ durch den Text. Ich muss da jedes Mal aufs Neue die Aus­ein­an­der­set­zung suchen und erklä­ren, war­um eine sol­che Über­set­zung nicht geht. Vie­le Ver­la­ge haben oft gar nicht im Blick, dass sich inzwi­schen auch ihre Leser*innenschaft ver­än­dert hat. Sis­ter Out­si­der zum Bei­spiel wird von Men­schen gele­sen, die auf die Über­set­zung regel­recht gewar­tet haben, weil Aud­re Lor­des Tex­te ihre Erfah­rungs­welt wider­spie­geln. Sol­che Leser*innen ver­letzt ein unsen­si­bler Umgang mit Spra­che. Vie­le Ver­la­ge haben eine Ziel­grup­pe im Kopf, die gar nicht mehr exis­tiert, und neh­men ande­re markt­be­stim­men­de Kräf­te kaum wahr. Aber mit der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung ver­än­dert sich auch unse­re Spra­che und das wird immer so weitergehen.

Bei den Literatur*übersetzerinnen gehen die Mei­nun­gen in der Hin­sicht aus­ein­an­der. Eini­ge set­zen sich sehr inten­siv mit dem sen­si­blen Umgang mit Spra­che aus­ein­an­der, ande­re tun sich damit schwe­rer und sehen auch nicht zwangs­läu­fig die Not­wen­dig­keit dafür.

Ich habe eini­ge Anfra­gen von Übersetzer*innen erhal­ten, ob ich ein Sen­si­ti­vi­ty Rea­ding ihrer Tex­te machen wür­de – eben wegen sol­cher Fall­stri­cke. Ich hat­te aber auch im Deutsch­land­funk ein Gespräch mit eta­blier­ten Übersetzer*innen, die von sich gewie­sen haben, dass sie so etwas bräuch­ten. Für sie exis­tiert nur der Text und ihr eige­nes Sprach­ver­ständ­nis, alles ande­re klam­mern sie aus. Beim Sen­si­ti­vi­ty Rea­ding kommt eine ande­re Pro­ble­ma­tik mit ins Spiel: Übersetzer*innen wer­den von ihrer Arbeit ja nicht reich. Auch ein Sen­si­ti­vi­ty Rea­ding muss bezahlt wer­den, das soll­ten die Ver­la­ge mit­ein­kal­ku­lie­ren und ein­se­hen, dass sich die­se Inves­ti­ti­on lohnt. Ich habe neu­lich zum Bei­spiel die eigent­lich sehr schö­ne Über­set­zung von Ber­nar­di­ne Eva­ris­tos Girl, Woman, Other (deut­scher Titel: Mäd­chen, Frau, Etc.) gele­sen, bin aber mit vie­len ande­ren der Mei­nung, dass die­ses „other“ im Titel ganz unter­schied­li­che Kon­no­ta­tio­nen hat, die „etc.“ ein­fach nicht ein­fängt. Das mag natür­lich wie so oft auch eine Ent­schei­dung des Ver­lags gewe­sen sein. So oder so wer­den mit einer sol­chen Über­set­zung vie­le Men­schen unsicht­bar gemacht. Es gibt aber auch ande­re Stel­len, die pro­ble­ma­tisch sind, zum Bei­spiel auch die Ver­wen­dung von „Far­bi­gen“. Sol­che Feh­ler haben wenig mit sprach­li­cher Kom­pe­tenz zu tun, son­dern mit dem kul­tu­rel­len Kontext.

Eine Über­set­zung kann also gut sein, auch wenn sie pro­ble­ma­ti­sche Stel­len ent­hält? Vie­le haben Angst, dass sol­che Feh­ler die Gesamt­qua­li­tät schmälern.

Nie­mand ist per­fekt. Gewis­se Feh­ler pas­sie­ren einem nicht noch ein­mal und da soll­ten Übersetzer*innen ein­fach sou­ve­rän reagie­ren, ohne sich per­sön­lich oder beruf­lich gleich infra­ge zu stel­len. Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn Men­schen von vorn­her­ein nicht kri­tik­fä­hig sind. Bei der Gor­man-Debat­te konn­te ich das gut beob­ach­ten. Die Fra­ge der nie­der­län­di­schen Akti­vis­tin Jani­ce Deul, war­um Gormans Gedicht kei­ne Schwar­ze Frau über­setzt hat, deren Erfah­rungs­welt ihrer mehr ähnelt, war durch­aus berech­tigt. Die­se Debat­te drif­te­te jedoch ins Absur­de ab. Vie­le, vor­ran­gig Män­ner, haben unsin­ni­ge Fra­gen auf­ge­wor­fen, zum Bei­spiel, ob man nun tot sein müs­se, um Shake­speare zu über­set­zen. Jeder und jede darf alles über­set­zen – ich hof­fe nur, dass es auch die­je­ni­gen kön­nen, die es machen. Trotz­dem bin ich der Mei­nung, dass die Erfah­rungs­welt, aus der Mensch denn selbst kommt, eine gro­ße Rol­le spielt, was aber nicht heißt, dass es sich dabei um das ein­zi­ge ent­schei­den­de Kri­te­ri­um bei der Wahl der Über­set­zen­den han­delt. Aus dem Blick geriet in die­ser Debat­te die eigent­li­che Sache, näm­lich die man­geln­de Diver­si­tät in der Branche.

Vor kur­zem ist auch Ihr eige­ner Essay­band Empower­ment und Wider­stand: Inspi­rie­ren­de Begeg­nun­gen mit Aud­re Lor­de erschie­nen. Sie haben dabei Essays aus dem Eng­li­schen ins Deut­sche über­setzt. Was war das Über­set­zen eige­ner Tex­te für eine Erfah­rung? Waren Sie ver­sucht, die­se völ­lig neu zu schreiben?

Das Buch ist anläss­lich des zwan­zigs­ten Todes­tags von Aud­re Lor­de ent­stan­den und besteht aus Essays, die ich im Lau­fe der Jah­re über sie und ihr Werk ver­öf­fent­licht habe, meis­tens in einem lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Kon­text und auf Eng­lisch. Ich dach­te, dass es scha­de wäre, wenn die­se Publi­ka­tio­nen in einer Uni­bi­blio­thek ver­stau­ben. Eini­ge Essays hat­te ich auch auf Lesun­gen und Buch­prä­sen­ta­tio­nen vor­ge­stellt. Da kamen vie­le Frau­en*, auch eini­ge, die Aud­re Lor­de per­sön­lich kann­ten, und haben gefragt, war­um es die Essays nicht auf Deutsch gibt. Weil es schnell gehen muss­te, habe ich mich dann eben selbst über­setzt. Da eini­ge der Essays schon etwas älter sind, war die Ver­su­chung sehr groß, Ände­run­gen vor­zu­neh­men. Oft habe ich gedacht, das wür­de ich heu­te anders for­mu­lie­ren oder an der Stel­le fehlt noch was. Ich muss­te mich ein wenig dis­zi­pli­nie­ren, weil ich kein neu­es Buch schrei­ben wollte. 

Sie schrei­ben, dass Sie etwas zöger­ten, als Aud­re Lor­de Sie gefragt hat, ob Sie ihre Gedich­te über­set­zen wol­len. Ihre Sor­ge war, dass die deut­sche Spra­che kaum Wör­ter hat­te für die Bil­der von den Erfah­run­gen Schwar­zer Frau­en“. Haben Sie die deut­sche Spra­che so hin­bie­gen kön­nen, dass eine Wir­kungs­äqui­va­lenz trotz­dem mög­lich war?

Ja, aber es war nicht ein­fach. Aud­re Lor­de hat­te die Gedich­te kurz vor ihrem Tod selbst zusam­men­ge­stellt und nicht die ein­fachs­ten aus­ge­sucht. Ich habe vor allem ihr zulie­be zuge­sagt. Sie ver­starb noch wäh­rend wir an der Über­set­zung saßen und es noch kein Inter­net oder Whats­app gab, um im per­ma­nen­ten Aus­tausch mit­ein­an­der zu ste­hen. Mehr­mals habe ich Aud­re Lor­des Part­ne­rin Glo­ria Joseph ange­ru­fen und gefragt, wie ich bestimm­te Begrif­fe para­phra­sie­ren kann oder was damit genau gemeint ist. Auch damals habe ich schon im Team gear­bei­tet und gemein­sam mit Sig­rid Mark­mann über­setzt. Heu­te wür­de ich sicher­lich auch da eini­ges anders machen, aber ich bin froh, dass die zwei­spra­chi­ge Gedicht­samm­lung auf dem Markt ist, auch weil es noch immer die ein­zi­ge ist. Ich wür­de mir wün­schen, dass ein grö­ße­rer Ver­lag den Mut auf­bringt, einen Gedicht­band von Aud­re Lor­de her­aus­zu­brin­gen, auch weil vie­le ihrer bedeu­tends­ten Gedich­te noch unüber­setzt sind. Ihre Gedich­te wer­den hier­zu­lan­de noch über­haupt nicht wahr­ge­nom­men, dabei ist ihr Gesamt­werk nur im Kon­text ihrer Dich­tung zu verstehen.

Mein Ein­druck beim Lesen von Aud­re Lor­des Essays war, dass die­se Tex­te zu ihrer Dich­tung als ihr Haupt­werk hin­füh­ren. Auch ihr poli­ti­scher Akti­vis­mus äußert sich ja vor­ran­gig über die Literatur.

Ja, in eini­gen Essays setzt sie sich damit aus­ein­an­der, war­um Lyrik zu ihrer Zeit so wenig Beach­tung fin­det und war­um die­se aber gera­de auch eine Aus­drucks­form von Frau­en* ist, die nicht zum pri­vi­le­gier­ten Teil der Gesell­schaft gehö­ren. Es gibt eini­ge schö­ne Sze­nen, zum Bei­spiel wenn sie beschreibt, wie Frau­en*  ein Gedicht auf einen Ein­kaufs­zet­tel krit­zeln oder in der Mit­tags­pau­se im Kran­ken­haus dich­ten. Sie bezieht sich an sol­chen Stel­len auch auf den wei­ßen Femi­nis­mus und sei­ne Bezugs­per­so­nen, Vir­gi­nia Woolf bei­spiels­wei­se, von der Aud­re Lor­de schreibt, dass sie neben vie­len ande­ren Res­sour­cen auch „ein Zim­mer für sich allein“ brauch­te. Da wer­den die gesell­schafts­po­li­ti­schen Unter­schie­de sehr deut­lich aufgezeigt.

Das Dich­ten, so klingt es in Aud­re Lor­des Essays an, war schon immer ein Teil von ihr. Sie beschreibt, wie die Wor­te von Anfang an aus ihr herausmussten.

Aud­re Lor­de sag­te sogar, dass sie bis zum Alter von vier Jah­ren nur in Gedich­ten gespro­chen hat. Wenn sie jemand etwas frag­te, dann habe sie nur mit einem Gedicht geant­wor­tet. Erst mit Gedich­ten, die sie gehört und gele­sen hat­te, spä­ter dann mit eige­nen. Wich­tig war ihr die Beto­nung von Gefühl. Um zu dich­ten, sag­te sie, müs­se sie tief in sich hin­ein­ge­hen und ihre Gefüh­le aus sich her­aus­ho­len. Die­se hat sie dann in Lyrik über­tra­gen. Ein Schrei sei noch kein Gedicht, aber ich kann eines dar­aus machen, schrieb sie. Wenn die­ses Gedicht dann bei den Ande­ren die glei­che Emp­fin­dung her­vor­ruft, die ich dabei habe oder die ich mir wün­sche, dann steckt dar­in auch ein gro­ßes Hand­lungs­po­ten­ti­al. Das ist ein ganz ande­res Ver­ständ­nis von Dich­tung, als wir es hier in Deutsch­land haben. Aud­re Lor­des Lyrik soll­te unbe­dingt auch hier­zu­lan­de einen ande­ren Stel­len­wert erhal­ten. Mein Wunsch ist es, dass nicht nur an den Uni­ver­si­tä­ten, son­dern auch im rest­li­chen Bil­dungs­sys­tem ande­re Lek­tü­ren vor­ge­schla­gen und gele­sen wer­den, damit wir uns in Deutsch­land end­lich von der Idee ver­ab­schie­den, dass die gro­ßen Dich­ter alle weiß, männ­lich und tot sind.


Mari­on Kraft

Mari­on Kraft ist eine afro­deut­sche pro­mo­vier­te Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin, Dozen­tin, Autorin, Her­aus­ge­be­rin und Über­set­ze­rin. Sie hat fünf Bücher und zahl­rei­che Essays zu Ras­sis­mus, Lite­ra­tur, Femi­nis­mus und der Schwar­zen Bewe­gung in Deutsch­land veröffentlicht.



Mari­on Kraft

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