Hütet euch vor den Menschen

Marieke Lucas Rijneveld hat einen Roman über den Missbrauch eines jungen Mädchens aus Sicht ihres Vergewaltigers geschrieben. Ein Gespräch über einen harten Stoff und seine Übersetzung.

Von und

Das Geweih ist in Rijnevelds neuem Roman ein Zeichen für das männliche Geschlecht - so bekommt Jelinek Konkurrenz. Hintergrundbild: Jeremy Bezanger via Unsplash.

Es heißt oft, die Fan­ta­sie ken­ne kei­ne Gren­zen. Und da die Lite­ra­tur aus der Fan­ta­sie ihrer Verfasser:innen speist, könn­te man das­sel­be wohl auch über sie sagen. Doch was Marie­ke Lucas Rij­ne­veld in dem Roman Mein klei­nes Pracht­tier dar­stellt, bewegt sich nah an der Gren­ze des Unbe­schreib­li­chen und Unvorstellbaren.

Über Miss­brauch und sexu­el­le Gewalt wird dank eini­ger Auf­ar­bei­tungs­wel­len zwar mitt­ler­wei­le häu­fi­ger in den Nach­rich­ten berich­tet, aber es ist noch immer ein Tabu­the­ma, an das sich auch die Lite­ra­tur oft nicht her­an­traut – zumin­dest nicht in dem sel­ben Maße und auf so bild­li­che Wei­se wie Rij­ne­veld: Die Neu­erschei­nung Mein klei­nes Pracht­tier han­delt von einem mit­tel­al­ten Mann, einem Tier­arzt, der sich in ein vier­zehn­jäh­ri­ges Kind ver­liebt, sich mit die­sem anfreun­det, es umgarnt und schließ­lich missbraucht.

Erzählt wird aus Sicht des Täters, Rij­ne­velds Leser:innen hän­gen in sei­nem Kopf fest. Wir keh­ren zurück in eine ähn­lich trost­lo­se nie­der­län­di­sche Ort­schaft, wie es sie auch schon in dem mit dem Boo­ker-Pri­ze aus­ge­zeich­ne­te Erst­lings­werk gab. Mit dabei ist auch Hel­ga van Beu­ni­gen, deren Über­set­zung von Was man sät in die­sem Jahr den Strae­le­ner Über­set­zer­preis erhielt. Im Fol­gen­den schrei­ben wir im Wech­sel über unse­re Ein­drü­cke wäh­rend der Lek­tü­re von Rij­ne­velds zwei­tem Roman Mein klei­nes Pracht­tier. Julia hat die Über­set­zung gele­sen, Lisa das nie­der­län­di­sche Original. 


Julia Rosche: Schon als ich mir die Ver­lags­vor­schau­en für den Herbst ange­schaut habe, bin ich über den deut­schen Titel des Romans gestol­pert: Mein klei­nes Pracht­tier. Man kennt „Pracht­ex­em­plar“ oder „Pracht­stück“, aber „Pracht­tier“? Als sol­ches bezeich­net der Ich-Erzäh­ler das jun­ge Mäd­chen, das er begehrt. Er ver­gleicht sie oft mit Tie­ren, daher ist „Pracht­tier“ eine unge­wöhn­li­che, aber doch tref­fen­de Bezeich­nung. Der Ori­gi­nal­ti­tel lau­tet aller­dings Mijn lie­ve gunste­l­ing. Wel­che Bedeu­tung hat „gunste­l­ing“?

Lisa Men­sing: Wür­de man „gunste­l­ing“ wört­lich ins Deut­sche über­set­zen, wäre „Günst­ling“ die nahe­lie­gen­de Über­set­zung. Bei „gunste­l­ing“ schwebt die Bedeu­tungs­ebe­ne des „Lieb­lings“ mit. Aller­dings kom­men am Ende des ers­ten Kapi­tels auch schon wei­te­re Anspra­chen hinzu:

Daar staat ze, mijn vuri­ge voortvluch­ti­ge, mijn klei­ne praaldier.

Da steht sie, mei­ne feu­ri­ge Flüch­ti­ge, mein klei­nes Prachttier.

„Praal­dier“ bedeu­tet „Pracht­tier“. Offen­bar haben sich die Über­set­ze­rin oder der Ver­lag dafür ent­schie­den, die­se Anspra­che für den Titel zu über­neh­men. „Pracht­tier“ passt sehr gut zu all den Tier­an­spie­lun­gen, die im Buch vor­kom­men. Zum Bei­spiel auch zum Geweih, das als Bezeich­nung für das männ­li­che Geschlecht ver­wen­det wird. „Gunste­l­ing“ spie­gelt aber viel­leicht etwas bes­ser die Bezie­hung des Man­nes und des jun­gen Mäd­chens wider, bei der es vor allem um die Anzie­hungs­kraft des unschul­di­gen Kin­des an der Schwel­le zum Erwach­se­nen­al­ter geht. „Pracht­tier“ klingt für mich mehr nach Trophäe.

J.R.: Mei­ne „feu­ri­ge Flüch­ti­ge“ gefällt mir auch gut – eine recht kit­schi­ge Bezeich­nung. Sol­che Kose­wor­te ste­chen her­aus, weil sie etwas aus der Zeit gefal­len wir­ken und den Ein­druck ver­stär­ken, dass man sich im Kopf eines 49-jäh­ri­gen Man­nes befin­det, der einen Teen­ager ver­füh­ren möch­te. Auch der ZEIT ist das auf­ge­fal­len. Dort heißt es: „In Mein klei­nes Pracht­tier spielt [Rij­ne­veld] mit alt­mo­di­schen Anre­de­for­men wie ‚Mei­ne himm­li­sche Aus­er­ko­re­ne‘ oder ‚Mein Augen­stern‘. Man fühlt sich beim Lesen in frü­he­re Jahr­hun­der­te ver­setzt und ist gleich­zei­tig der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart nah.“ Damit beschreibt Ilka Piep­gras aber eigent­lich die Wir­kung der Über­set­zung, nicht die des Ori­gi­nals. Hat­te das Ori­gi­nal auf dich eine ähn­li­che Wirkung?

L.M.: An frü­he­re Jahr­hun­der­te habe ich beim Lesen des Ori­gi­nals auf kei­nen Fall gedacht, aber der Alters­un­ter­schied der bei­den Per­so­nen wird durch die­se For­mu­lie­run­gen natür­lich deut­lich. Für mich hat­ten sie vor allem den Effekt, dass sie die Beses­sen­heit des Man­nes unter­strei­chen und sein Ver­hält­nis zu dem Mäd­chen. Mich erin­nert das fast an Gol­lum aus Der Herr der Rin­ge, der völ­lig beses­sen von sei­nem Schatz ist. Das Mäd­chen ist hier der Schatz des Tier­arz­tes – eine Art Objekt. In Bezug auf die Kose­na­men fin­de ich es vor allem span­nend, dass die deut­sche Über­set­zung mit „Mein Augen­stern“ anfängt. Die ers­ten Wor­te im Ori­gi­nal lau­ten „Lie­ve gunste­l­ing“. In der deut­schen Über­set­zung kommt das Wort „Günst­ling“ inter­es­san­ter­wei­se gar nicht vor. Und trotz­dem lau­ten die ers­ten Wor­te der Über­set­zung nicht „Mein klei­nes Pracht­tier“ – das Mus­ter des Ori­gi­nals wird also durch­bro­chen, obwohl „gunste­l­ing“ und „Günst­ling“ in bei­den Spra­chen unge­bräuch­lich sind. Die ande­ren Kose­na­men wie „mijn vuri­ge voortvluch­ti­ge“ und „hemelse uit­ver­ko­re­ne“ wur­den aber wört­lich übersetzt. 

J.R.: Der Roman ist ein 350-Sei­ten lan­ger Bewuss­eins­strom. Mir fällt kein ver­gleich­ba­rer Bewusst­seins­strom ein, in dem das „Du“ so prä­sent ist, nor­ma­ler­wei­se steht ja das „Ich“ im Vor­der­grund. Hier aber gibt es einen kla­ren Adres­sa­ten, näm­lich das jun­ge Mäd­chen, das er begehrt. Das „Du“ ist inter­es­sant, weil man als Lese­rin sofort das Gefühl hat, dass die Erzähl­stim­me mit einem redet, was in einem Roman über Pädo­phi­lie einen ver­stö­ren­den Effekt hat. Gleich­zei­tig ist das „Du“ schwer greif­bar, denn im Lau­fe des Romans wird klar, dass das „Du“ eine Stim­me ist, die wir als Lese­rin­nen nicht hören. Das „Du“ ist eine Schöp­fung des „Ichs“.

L.M.: Ehr­lich gesagt war ich zuerst etwas genervt vom Bewusst­seins­strom. Auf der einen Sei­te hat­te er direkt den ver­stö­ren­den Effekt, den du ansprichst, da sehr schnell deut­lich wird, wer hier spricht, ande­rer­seits fiel es mir anfangs schwer, mich die­sem Strom hin­zu­ge­ben. Nach ca. 50 Sei­ten funk­tio­nier­te der Gedan­ken­strom dann aber per­fekt und ent­fal­te­te all sei­ne Grau­sam­keit. Ich hat­te das Gefühl, dass mein Kopf zuerst ein­fach nicht in den Kopf des pädo­phi­len Man­nes hin­ein­schau­en woll­te. Hat­test du Pro­ble­me, wegen des Bewusst­seins­stroms in die Geschich­te ein­zu­stei­gen? Rhyth­mus und Klang sind dafür äußerst wich­tig, und im Nie­der­län­di­schen ent­fal­tet der Strom einen wah­ren Sog, weil die Sät­ze so gut ineinanderfließen.

J.R.: Ich hat­te bei der Über­set­zung ins­ge­samt den Ein­druck, dass die Kapi­tel sehr gut struk­tu­riert und in sich sehr geschlos­sen sind. Die stren­ge Ein­tei­lung ver­leiht den Gedan­ken der Erzähl­stim­me einen Rah­men und für uns Lese­rin­nen bie­tet der Kapi­tel­wech­sel einen Moment zum Durch­at­men. An gewis­sen Stel­len arbei­tet Rij­ne­veld mit recht sub­ti­len Cliff­han­gern. Über­haupt wird die eigent­li­che Hand­lung ja erst Stück für Stück ent­fal­tet, was eine gewis­se Span­nung erzeugt. Im Deut­schen funk­tio­niert der Bewusst­seins­strom auch sehr gut, weil man die Neben­sät­ze schön anein­an­der­rei­hen kann und eini­ge ein­ge­scho­be­ne Haupt­sät­ze zwi­schen­durch den Faden wie­der auf­grei­fen. Als Über­set­ze­rin braucht man sicher viel Rhyth­mus­ge­fühl, um da nicht den Faden zu ver­lie­ren, aber mit Hele­na van Beu­n­in­gen war natür­lich eine Exper­tin am Werk. Viel­leicht schau­en wir uns ein kon­kre­tes Text­bei­spiel an. Hier fin­det die Frau des Erzäh­lers her­aus, dass er das Mäd­chen geküsst hat: 

[…] maar ik kon je hier niet troos­ten, niet waar Camil­lia bij was, en ze zou uit­ein­de­li­jk kal­me­ren, ze zou drie clown-ijs­jes uit de vrie­zer halen met van die kauw­gom­bal­neu­zen in het mid­den, en ze zou zeg­gen dat we allemaal wel wat ver­ko­eling kon­den gebrui­ken, we zou­den de ijs­jes onge­mak­ke­li­jk en zwi­j­gend naar bin­nen wer­ken ter­wi­jl bij jou de tra­nen nog over je wan­gen lie­pen, en ik zag daar weer hoe mooi en jong je was, zo’n prach­tig ver­drie­tig kin­der­fi­gu­urtje met een smel­tend clown-ijs­je in haar hand, en ik wist dat je even aan It dacht, ik wist dat het ijs je niet sma­ak­te omdat je niet meer van clowns hield, dat je het idee had dat je It had opge­ge­ten en de narig­heid nu in jou voort­leef­de, maar je beet en lik­te je dap­per door het ijs heen en Camil­lia zei dat het beter was als je niet meer lang­skwam, je knik­te en kauw­de luste­loos op de rode kauw­gom­bal, je blies een bel zo groot dat we je gezicht niet meer zagen, tot het ver­driet een rode wolk was gewor­den, je blies tot hij knap­te en de helft in de lok van je haar kwam waar­door Camil­lia de schaar moest pak­ken en ze zou zien hoe ik ver­lan­gend naar je keek, want ik zag plots de vlam­men weer in haar ogen opflik­ke­ren toen ze de kauw­gom uit je haar knip­te, ze liep met je mee tot aan de brie­ven­bus en kon het niet laten om nog bit­te­re woor­den uit te spre­ken: Dat twee mensen van wie ik dacht dat ze van me hiel­den me dit aan kun­nen doen.

[…] aber hier konn­te ich dich nicht trös­ten, nicht in Camil­li­as Gegen­wart, und sie wür­de sich schließ­lich beru­hi­gen, wür­de drei Eis­clowns mit die­sen Kau­gum­mi­bla­sen­na­sen in der Mit­te aus dem Gefrier­fach holen und wür­de sagen, dass wir alle ein biss­chen Abküh­lung gebrau­chen konn­ten, wir wür­den das Eis unbe­hag­lich und schwei­gend ver­til­gen, wäh­rend dir immer noch Trä­nen über die Wan­gen lie­fen, und da sah ich wie­der, wie schön und jung du warst, so eine pracht­vol­le trau­ri­ge Kin­der­ge­stalt mit einem schmel­zen­den Eis­clown in der Hand, und ich wuss­te, dass du für einen Moment an Es dach­test, ich wuss­te, dass das Eis dir nicht schmeck­te, weil du Clowns nicht mehr moch­test, dass du die Vor­stel­lung hat­test, du hät­test Es geges­sen und das Böse lebe jetzt in dir wei­ter, aber du bisst und lutsch­test dich tap­fer durch das Eis, und Camil­lia sag­te, es wär bes­ser, wenn du nicht mehr zu uns kämst, du nick­test und kau­test lust­los auf der roten Kau­gum­mi­ku­gel her­um, bliest eine Bla­se, so groß, dass wir dein Gesicht nicht mehr sahen, bis aus dem Kum­mer eine rote Wol­ke gewor­den war, du bliest, bis sie platz­te und die Hälf­te sich in einer Locke ver­fing, sodass Camil­lia zur Sche­re grei­fen muss­te, und sie wür­de sehen, wie sehn­süch­tig ich dich anblick­te, denn ich sah pötz­lich wie­der Flam­men in ihren Augen auf­lo­dern, als sie dir den Kau­gum­mi aus dem Haar schnitt, sie beglei­te­te dich bis zum Brief­kas­ten und konn­te es nicht las­sen, bit­ter hin­zu­zu­fü­gen: Dass zwei Men­schen, von denen ich dach­te, sie lieb­ten mich, mir das antun können. 

J.R.: Wie ähn­lich sind sich die nie­der­län­di­sche und die deut­sche Syntax?

L.M.: Gene­rell sind sich die deut­sche und die nie­der­län­di­sche Syn­tax sehr ähn­lich, was oft­mals ein Pro­blem beim Über­set­zen ist. Theo­re­tisch kann man fast jeden Satz genau so auf­bau­en, wie er im Ori­gi­nal steht. Aller­dings muss man sich oft von der Struk­tur lösen, um wirk­lich einen deut­schen Text zu erschaf­fen. Die Ähn­lich­kei­ten der nie­der­län­di­schen und der deut­schen Syn­tax sind für das Über­set­zen von Bewusst­seins­strö­men aber grund­sätz­lich hilf­reich. Ich fin­de, dass in dem Bei­spiel die nie­der­län­di­sche Ver­si­on noch ein klei­nes biss­chen bes­ser fließt, wofür Hel­ga van Beu­n­in­gen aber abso­lut nichts kann. Im Nie­der­län­di­schen klingt die Kom­bi­na­ti­on aus Prä­ter­itum und 2. Per­son Sin­gu­lar sehr natür­lich, im Deut­schen kom­men unge­wohnt klin­gen­de For­men wie „du bisst und lutsch­test“ dabei her­aus, die ich als Lese­rin etwas stö­rend fin­de. Aber wie gesagt: Das ist ein Nach­teil der deut­schen Spra­che oder schlicht­weg eine in mei­nen Ohren unge­wohn­te Kombination. 

J.R.: Mir sind sol­che For­men beim Lesen der Über­set­zung auch direkt auf­ge­fal­len, weil sie etwas künst­lich klin­gen. Ich glau­be, wäre der gesam­te Text im Prä­sens, wür­de es natür­li­cher klin­gen, weil wir eine sol­che Anre­de gewohnt sind. Ich bin beim Lesen tat­säch­lich dar­über „gestol­pert“, aber inzwi­schen den­ke ich, dass die Spra­che zum Erzäh­ler passt, da die­ser auch etwas sehr Geküns­tel­tes an sich hat, etwas Per­for­ma­ti­ves. Die­ser Ein­druck ent­steht, weil er viel fan­ta­siert, sich Sze­na­ri­en aus­malt, in denen sei­ne „feu­ri­ge Aus­er­ko­re­ne“ vor­kommt, und dann tat­säch­lich auch ver­sucht, die­se in der Rea­li­tät umzusetzen.

L.M.: Fin­dest du die Stim­me des Erzäh­lers und die Dar­stel­lung des Mäd­chens authentisch?

J.R.: Die Stim­me des Erzäh­lers auf jeden Fall. Wir erfah­ren viel über ihn, wel­che Musik er hört, was er mag, auch viel über sein sehr tra­di­tio­nel­les Fami­li­en­le­ben und sei­ne Ver­gan­gen­heit. Und es gibt ja noch die­se merk­wür­di­ge Par­al­le­le zwi­schen ihm und sei­nem Sohn. Zuerst ist näm­lich sein Sohn an dem Mäd­chen inter­es­siert und macht sei­nen Vater dadurch eifer­süch­tig. Die­sen Plottwist fand ich zu Beginn selt­sam, aber er zeigt letzt­lich ganz deut­lich, wie unan­ge­mes­sen und über­grif­fig das Ver­hal­ten des Vaters ist. 

L.M.: Mir kommt der Erzäh­ler auch sehr authen­tisch vor. Bei der Lek­tü­re habe ich wirk­lich das Gefühl gehabt, Ein­bli­cke in die Denk­wei­se eines Pädo­phi­len zu bekom­men. Rij­ne­veld gestal­tet die­se Ein­bli­cke ohne star­ke Urtei­le. Das Han­deln des Mäd­chens ist auf­grund der Per­spek­ti­ve schwe­rer greif­bar. Durch das Set­ting, das schwie­ri­ge Fami­li­en­le­ben und die Irrun­gen und Wir­run­gen, mit denen Teen­ager sowie­so zu kämp­fen haben, über­zeugt sie mich letzt­end­lich aber.

J.R.: Die Dar­stel­lung des jun­gen Mäd­chens ist etwas kom­ple­xer. Ihre Stim­me wird von dem „Du“ ver­deckt, das ein­deu­tig eine Kon­struk­ti­on des Erzäh­lers ist. Funk­tio­niert das „Du“ im Nie­der­län­di­schen ähn­lich wie im Deutschen? 

L.M.: Im Nie­der­län­di­schen ist man das „Du“ gewohnt, da es syn­onym zu unse­rem „man“ ver­wen­det wird, das nie­der­län­di­sche „je“ funk­tio­niert oft wie das eng­li­sche „you“. Aller­dings wird hier sehr schnell deut­lich, dass eine kon­kre­te Per­son gemeint ist – also doch ein „Du“. Marie­ke Lucas Rij­ne­veld ist es gelun­gen, trotz der gewähl­ten Per­spek­ti­ve bei­de Sei­ten dar­zu­stel­len. Aller­dings haben wir es mit einem Erzäh­ler zu tun, dem wir abso­lut nicht trau­en kön­nen. Trotz­dem hat­te ich beim Lesen auch das Gefühl, dass sehr deut­lich wird, was das Mäd­chen emp­fin­det. Ging es dir ähnlich?

J.R.: Ja, das lag vor allem an der Pro­zess­ge­schich­te. Es wird im Zuge des Romans klar, dass es ein Ver­fah­ren gegen den Erzäh­ler gege­ben hat und das Mäd­chen eine Aus­sa­ge gemacht haben muss, die sei­ner Dar­stel­lung der Ereig­nis­se wider­spricht. Er schreibt rück­bli­ckend über die Ereig­nis­se und man merkt sehr gut, dass ihre abwei­chen­de Wahr­neh­mung ihn irri­tiert. Die­se ande­re Per­spek­ti­ve, die wir nur indi­rekt erfah­ren, schim­mert manch­mal durch, zum Bei­spiel, wenn er sie ver­ge­wal­tigt und sich im Nach­hin­ein nicht sicher ist, ob auf ihrem Gesicht sein Schweiß oder ihre Trä­nen zu sehen sind:

[…] ik wist alle­en nog dat mijn zweet in je hals drup­te, dat je een parel­ket­ting om je hals had van drup­pels, dat ik na een paar minu­ten mijn gewei uit je haal­de en dat op dat moment de pos­ter van Bea­trix los­liet en naast ons dwar­rel­de, dat ik niet aan de konin­gin wil­de den­ken, niet aan haar, dat ik zei dat ik van je hield en toen mijn kaken op elka­ar beet en mijn zaad op je buik spoot, en je keek er eerst angst­ig naar en toen ver­won­derd, het zou je een nieu­we fasci­na­tie geven naast het staand kun­nen plas­sen, en ik had me hij­gend naast je neer laten val­len op het matras, lang­zaam was je weer tot leven geko­men, ik wacht­te tot je ging pra­ten, maar je zei niets en ik dacht dat je wan­gen nat waren van mijn zweet, nat van mijn dauw, maar later twi­j­fel­de ik daar­a­an, ik twi­j­fel­de of je huil­de, en toen het te lang stil bleef pak­te ik mijn akt­e­tas, ik haal­de er wat uier­do­ek­jes uit en wreef je buik lief­de­vol schoon […] 

[…] ich wuss­te nur noch, dass mein Schweiß dir auf den Hals tropf­te, dass du eine Per­len­ket­te aus Trop­fen um den Hals trugst, dass ich nach eini­gen Minu­ten mein Geweih aus dir zog und dass sich in die­sem Moment das Pos­ter von Bea­trix lös­te und neben uns her­un­ter­flat­ter­te, dass ich nicht an die Köni­gin den­ken woll­te, nicht an sie, dass ich sag­te, ich lieb­te dich und dann die Kie­fer auf­ein­an­der­press­te und mei­nen Samen auf dei­nen Bauch spritz­te, und du schau­test erst ängst­lich und dann ver­wun­dert dar­auf, es soll­te eine neue Fas­zi­na­ti­on für dich wer­den neben der Fähig­keit, im Ste­hen zu pin­keln, und ich hat­te mich keu­chend neben dir auf die Matrat­ze fal­len las­sen, lang­sam war wie­der Leben in dich gekom­men, ich war­te­te dar­auf, dass du wie­der was sag­test, aber da kam nichts, und ich dach­te, dei­ne Wan­gen sei­en nass von mei­nem Schweiß, nass von mei­nem Tau, doch spä­ter zwei­fel­te ich dar­an, ich zwei­fel­te, ob du viel­leicht wein­test, und als es zu lan­ge still blieb, nahm ich mei­ne Akten­ta­sche, zog ein paar Euter­tü­cher her­aus und rieb dir den Bauch lie­be­voll sauber […] 

Spä­tes­tens hier ist ganz klar deut­lich, dass das „Du“ anders emp­fin­det als der Erzäh­ler – die Pas­si­vi­tät cha­rak­te­ri­siert sie als Opfer. Zwar sagt der Erzäh­ler „er zwei­fel­te spä­ter“ an ihrer Reak­ti­on, als er im Gefäng­nis ist, aber eini­ge For­mu­lie­run­gen wie „dann die Kie­fer auf­ein­an­der­press­te“ und „du schau­test erst ängst­lich“ sug­ge­rie­ren, dass er sich auch in dem Moment bewusst war, wel­che Gewalt er aus­übt. Die­se Gewalt ist ein wich­ti­ger Bestand­teil sei­ner pseu­do­ro­man­ti­schen Faszination.

L.M.: Pseu­do­ro­man­ti­sche Fas­zi­na­ti­on – das trifft es sehr gut! Und das Bei­spiel zeigt per­fekt, wie es Rij­ne­veld gelingt, bei­de Per­spek­ti­ven dar­zu­stel­len. Die Per­spek­ti­ve des Täters (der nur bedingt als Täter dar­ge­stellt wird) wird kon­kret geschil­dert und durch das Du wird die Per­spek­ti­ve des Opfers indi­rekt, aber trotz­dem sehr deut­lich dar­ge­stellt. Der Täter führt einen stän­di­gen Dia­log mit sich selbst und mit dem Mäd­chen. Er kämpft gegen sich selbst, gegen sein ver­bo­te­nes Ver­lan­gen, und ver­liert. Einer­seits hat er in der hier dar­ge­stell­ten Sze­ne bekom­men, wonach er sich so lan­ge gesehnt hat, ande­rer­seits hat er gegen sich selbst verloren. 

J.R.: Der Roman könn­te über­all spie­len. Im Text essen sie zwar irgend­wann ein Wurst­bröt­chen bei HEMA, ansons­ten hat­te ich aber beim Lesen der Über­set­zung nicht unbe­dingt den Ein­druck, dass wir uns in den Nie­der­lan­den befin­den. Die lite­ra­ri­schen und pop­kul­tu­rel­len Ein­flüs­se stam­men vor­ran­gig aus dem anglo­pho­nen Raum. Und selbst der Hand­lungs­ort trägt im Deut­schen einen eng­li­schen Titel: the Vil­la­ge. Sind die­se Anspie­lun­gen typisch für Rij­ne­veld oder ist der Ein­fluss der ame­ri­ka­ni­schen Pop­kul­tur in den Nie­der­lan­den noch grö­ßer als bei uns?

L.M.: Im Ori­gi­nal heißt der Ort eben­falls the Vil­la­ge. Ich habe gele­sen, dass Rij­ne­veld sich bewusst gegen einen rea­len Ort ent­schie­den hat, da Rij­ne­veld selbst ähn­li­che Erfah­run­gen wie die Prot­ago­nis­tin mit einem Leh­rer gemacht hat. Es könn­te also eine Ent­schei­dung zuguns­ten der Anony­mi­tät gewe­sen sein. Gleich­zei­tig ist der Ort mei­ner Mei­nung nach bewusst raum- und zeit­los gehal­ten, da Miss­brauch über­all statt­fin­den kann. Was die ande­ren pop­kul­tu­rel­len Ein­flüs­se angeht, wer­den die Nie­der­lan­de sicher stär­ker vom anglo­pho­nen Raum beein­flusst, das fängt schon mit den Syn­chro­ni­sie­rungs­ge­wohn­hei­ten an. Wäh­rend deut­sche Kin­der mit syn­chro­ni­sier­ten Seri­en und Fil­men auf­wach­sen, wird im nie­der­län­di­schen Fern­se­hen vie­les nur unter­ti­telt, sodass die Kin­der schnell mit der eng­li­schen Spra­che und Kul­tur in Kon­takt kom­men. Ich den­ke aber, dass Rij­ne­veld als Kind der Neun­zi­ger vie­le per­sön­li­che Details mit ein­ge­baut hat. Alles, was die­se Genera­ti­on, zu der wir bei­de ja auch gehö­ren, beein­flusst hat, fin­det man in den bei­den Roma­nen wie­der. Die Sims haben Rij­ne­veld zum Bei­spiel stark geprägt, wie man an der Kurz­ge­schich­te Bel­la and Lucas gut sehen kann.

J.R.: Waren dir die gan­zen Anspie­lun­gen manch­mal zu viel? Hin und wie­der habe ich mich beim Lesen gefragt, ob es die­se gan­zen Ver­wei­se wirk­lich braucht und wie viel sie zur Cha­rak­te­ri­sie­rung bei­tra­gen, gleich­zei­tig fand ich sie auch sehr unter­halt­sam. Dabei wird der Alters­un­ter­schied sehr deut­lich: Sie hört Avril Lavi­g­ne, er Frank Zap­pa. Die bei­den Cha­rak­te­re schei­nen vor allem über Musik zuein­an­der zu fin­den. Daher wur­den unzäh­li­ge Zita­te aus eng­li­schen Song­tex­ten in den Text ein­ge­ar­bei­tet. Die­se hat van Beu­ni­gen auch nicht über­setzt, was sicher albern gewe­sen wäre, weil die Leser:innen die Songs sonst nicht wie­der­erkannt hätten.

L.M.: Zum Glück wur­den die Song­tex­te nicht über­setzt, das hät­te ich sehr merk­wür­dig und unsin­nig gefun­den. Mir gefal­len die pop­kul­tu­rel­len Ver­wei­se. Fil­me, Bücher und Musik haben eine gro­ße Wir­kung auf Teen­ager, was das Bei­spiel wei­ter oben sehr gut zeigt. Die gan­zen Songs kann man sich als Play­list zum Roman zusam­men­stel­len, wodurch die Immer­si­on nur ver­stärkt wird. Ich mag das! Neben den pop­kul­tu­rel­len Ver­wei­sen sind mit Sicher­heit auch die Fach­ter­mi­ni aus der Welt der Kühe eine Beson­der­heit des Romans. Wie funk­tio­nie­ren die­se gan­zen Fach­ter­mi­ni in der Über­set­zung? Schon auf der ers­ten Sei­te wird man damit kon­fron­tiert. Hat dich das irri­tiert, oder fügen sie sich in der Über­set­zung gut in den Text ein?

J. R.: Ich fin­de den Bezug zum Tier­reich gene­rell inter­es­sant. Vor Jah­ren habe ich mich im Stu­di­um mit Carol J. Adams The Sexu­al Poli­tics of Meat beschäf­tigt. In dem Buch zeigt sie auf, dass sich schon die frü­hen Femi­nis­tin­nen des 19. Jahr­hun­derts mit der Rol­le von Tie­ren beschäf­tig­ten, weil sie die­se eben­falls als Opfer des Patri­ar­chats iden­ti­fi­zier­ten. Oft­mals ist Gewalt gegen­über Tie­ren in der Lite­ra­tur zudem eine Meta­pher für häus­li­che Gewalt. Wenn der Haus­herr den Hund tritt, lei­den weib­li­che Figu­ren oft mit. Man könn­te das als eine Form der Empa­thie lesen, aber eigent­lich pro­ji­zie­ren sie die patri­ar­cha­le Gewalt gegen­über dem Tier auf sich (oder haben die­se Form der Gewalt bereits erfah­ren). Vie­le gegen­wär­ti­ge Prak­ti­ken in der Fleisch­her­stel­lung und Milch­ge­win­nung sind sehr inva­siv. Im Fall von Kühen argu­men­tie­ren vega­ne Grup­pie­run­gen, dass deren Weib­lich­keit aus­ge­beu­tet – sie sind dau­er­haft schwan­ger, um dau­er­haft für uns Milch pro­du­zie­ren zu kön­nen. Ich den­ke, das sind alles Moti­ve, mit denen Rij­ne­veld bewusst arbei­tet. Trotz der Fach­ter­mi­ni wird klar: das Leben auf dem Hof ist für die Tie­re wie auch für die Jugend­li­chen ein Leben mit Gewalt. Eine Kuh kann sich wäh­rend der Besa­mung durch den Tier­arzt nicht weh­ren, das Mäd­chen auch nicht. Vie­le Schil­de­run­gen in die­sem Roman sind unheim­lich bru­tal, zum Bei­spiel die­se Stel­le, wo es um die Fol­gen der Maul- und Klau­en­seu­che geht:

[…] ze zou de beel­den die ik voor me zag onmo­geli­jk kun­nen begri­j­pen, de beel­den waa­rin de veehou­der niet aan de trap maar aan de voer­si­lo hing, waa­rin hij zo blauw zag als een kru­is­dis­tel en uit zijn mond een laats­te doods­ro­chel kwam, het galm­de door mijn kop ter­wi­jl ik mijn han­den tegen mijn oren druk­te, en op de ach­t­er­g­rond hoor­de ik het gelo­ei van de koei­en die door de schutters in de hoek wer­den gedre­ven en soms pas na een paar scho­ten in elka­ar zak­ten, ik zag de gri­j­par­men ach­ter de voer­si­lo opdoemen, die half­do­de scha­pen­lij­ven aan hun poten vasthielden […] 

[…] sie wür­de die Bil­der, die ich vor mir sah, unmög­lich ver­ste­hen kön­nen, die Bil­der, auf denen der Vieh­bau­er nicht an der Trep­pe, son­dern am Fut­ter­si­lo hing, auf denen er so blau aus­sah wie eine Edel­dis­tel, aus sei­nem Mund kam ein letz­tes Todes­rö­cheln, es hall­te in mei­nem Kopf, wäh­rend ich mir die Hän­de an die Ohren press­te, und im Hin­ter­grund hör­te ich das Brül­len der Kühe, die von den Schüt­zen in die Ecke getrie­ben wur­den und manch­mal erst nach meh­re­ren Schüs­sen zusam­men­bra­chen, ich sah die Greif­ar­me der Front­la­der hin­ter dem Fut­ter­si­lo auf­ra­gen, die halb­to­te Schafs­lei­ber an den Bei­nen hielten […] 

Die Fach­ter­mi­ni sind mir nicht nega­tiv auf­ge­fal­len – im Gegen­teil. Das Kli­ni­sche passt für mich sehr gut zur der Erzähl­stim­me, gleich­zei­tig ent­steht dadurch eine gewis­se Distanz, da es gera­de den Gewalt­dar­stel­lun­gen eine ver­stö­ren­de Küh­le ver­leiht. Eine sol­che Dar­stel­lung ist nicht all­zu unge­wön­lich. In Seri­en haben die Mör­der ja oft ähn­li­che Jobs, Han­ni­bal Lec­ter quält sei­ne Opfer ja auch mit unheim­li­cher Prä­zi­si­on. Haben die Beschrei­bun­gen im Ori­gi­nal auf dich sehr tech­nisch gewirkt?

L.M.: Nein, im Ori­gi­nal klingt das alles sehr orga­nisch. Als Stadt­kind stößt man bei die­sen Ter­mi­ni ab und zu an sei­ne Gren­zen, aber Rij­ne­velds Spra­che zeich­net sich gera­de auch durch die­sen krea­ti­ven Umgang mit dem Wort­feld der Milch­bau­ern­hö­fe aus. Ich fin­de Rij­ne­velds Spra­che und Hel­ga van Beu­n­in­gens Über­tra­gung ein­drucks­voll. Die ers­ten Sät­ze gehen gleich in die Vollen:

Ik had je in dat steil­o­ri­ge hoogsei­zo­en als een zweer met een hoef­mes uit de klauw­le­der­huid moe­ten ver­wij­de­ren, ik had ruim­te moe­ten maken bij de tus­sen­klauws­pleet zodat mest en vuil ertus­sen­uit zou­den val­len en nie­mand je kon infec­te­ren, mis­schien had ik je enkel wat moe­ten pel­len en bij­scha­ven met de sli­j­per, je moe­ten rei­ni­gen een droog­wrij­ven met was zageling.

Ich hät­te dich in jenem ver­bohr­ten Hoch­som­mer wie ein Geschwür mit dem Huf­mes­ser aus der Klau­en­le­der­haut schnei­den müs­sen, ich hät­te Raum beim Zwi­schen­klau­en­spalt schaf­fen müs­sen, damit Mist und Dreck her­aus­fal­len und nie­mand dich infi­zie­ren kann, viel­leicht hät­te ich dich mit dem Win­kel­schlei­fer nur etwas abtra­gen und nach­fei­len müs­sen, mit etwas Säge­mehl säu­bern und tro­cken reiben.

J.R.: Ich kann dir da nur zustim­men. Rij­ne­velds Roman und sei­ne fan­tas­ti­sche Über­set­zung von van Beu­ni­gen haben mich von der ers­ten Sei­te an gefes­selt – sicher­lich aus den bereits genann­ten Gründen.

L.M.: Bräuch­te das Buch dei­ner Mei­nung nach eine Triggerwarnung?

J.R.: Auf der einen Sei­te den­ke ich, dass dann fast alle Bücher eine Trig­ger­war­nung bräuch­ten. Es wird immer etwas geben, das einen als Lese­rin emo­tio­nal her­aus­for­dert. Auf der ande­rer Sei­te schei­nen aber auch vie­le Betrof­fe­ne Trig­ger­war­nun­gen gut­zu­hei­ßen, und stö­ren tun sie mich nicht. Da das Buch die Gewalt sehr bild­lich dar­stellt, wäre es viel­leicht ange­bracht. Brau­chen wir für die­sen Arti­kel eine Trig­ger­war­nung? Was meinst du?

L.M.: Ich glau­be, dass man Trig­ger­war­nun­gen umge­hen könn­te, wenn Klap­pen­tex­te expli­zi­ter wären. Auf der deut­schen Aus­ga­be steht ein Zitat aus einer nie­der­län­di­schen Tages­zei­tung: „Rij­ne­velds Roman ist ein Tri­umph. Pul­sie­ren­de Sät­ze, zwei sym­bio­ti­sche Stim­men, am Ende weiß man: So fühlt sich Lie­be an.“ Deu­tet die­ser Satz nicht etwas völ­lig Fal­sches an? Durch den Satz „So fühlt sich Lie­be an.“ bekommt man den Ein­druck, es hand­le sich um eine Lie­bes­ge­schich­te. Und natür­lich wird eine Art Lie­bes­ge­schich­te erzählt, aber bestimmt nicht die Art Lie­bes­ge­schich­te, die die­ser Satz andeu­tet. Hier wird etwas roman­ti­siert, das auf kei­nen Fall roman­ti­siert wer­den darf. Viel­leicht schaf­fen wir es, den Tea­ser für die­sen Arti­kel so expli­zit zu gestal­ten, dass wir kei­ne Trig­ger­war­nung brauchen. 

J.R.: Ich fin­de, Sät­ze wie „So fühlt sich Lie­be an.“ zei­gen, war­um es Bücher wie die­ses braucht: weil in unse­rer Gesell­schaft Miss­brauch noch immer ver­harm­lost wird. Das ist kei­ne Lie­be, die hier beschrie­ben wird, son­dern eine Obses­si­on, die Fan­ta­sie eines kran­ken Man­nes, der ein Kind ver­ge­wal­tigt. Also ja, lass uns das expli­zit in den Tea­ser schreiben.

Marie­ke Lucas Rij­ne­veld | Hel­ga van Beu­n­in­gen

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